Von Hermann Bohle

Unser gesamtes Sozialprodukt abzüglich Dienstleistungen kommt nach dem Gebrauch als Abfall wieder auf uns zu – „denn Konsum ist gleichbedeutend mit Umwandlung hochwertiger Güter in Abfall.“ Hans Joachim Frost, Direktor der Abteilung Sicherheit bei der BASF in Ludwigshafen, formulierte in drastischer Klarheit den Kern aller Probleme der Umweltverschmutzung: Alle Umwandlungsvorgänge sind mit dem Entstehen von festen, flüssigen und gasförmigen Abfällen verbunden, was der Mensch verbraucht, wird wieder zu Abfall.

Die BASF investiert in diesem Jahr insgesamt eine halbe Milliarde Mark, davon ein gutes Zehntel – 56,5 Millionen Mark – für den Umweltschutz. Bis 1974 werden sich diese Ausgaben vervierfachen.

Wie sehr das drängt, zeigen Beispiele. Vor 60 Jahren wurden im Rhein zwischen 150 000 und 175 000 Lachse gefangen. Hausangestellte pflegten sich damals im Einstellungsvertrag von ihrer „Herrschaft“ die Garantie geben zu lassen, daß sie nicht mehr als zweimal wöchentlich Lachs essen müßten. Schon 1955 aber gab der Rhein nur noch 3000 Lachse her; 2400 von ihnen waren wegen zu hohen Phenolgehalts ungenießbar.

Die Europäische Kommission in Brüssel legt nun in diesen Tagen ein ehrgeiziges Programm zum Umweltschutz vor. Im Gegensatz zu anderen internationalen Organisationen besitzt sie aus den drei wirtschaftlichen Integrationsverträgen: bereits Handhaben, um aktiv, gesetzgebend und bestimmend an die Arbeit zu gehen – wenn die sechs Mitgliedsregierungen im Ministerrat mitmachen. In den Kassen der „Umlage“, die die Stahl- und Kohlehersteller nach dem Vertrag über die Montanunion aufbringen, wie auch im EWG-Agrarfonds ständen nach entsprechenden Beschlüssen sogar Millionenmittel bereit, mit denen gemeinsame Aktionen. zu finanzieren wären.

Ob wirklich etwas geschieht – und wann – darüber freilich wagt noch niemand in Brüssel eine Voraussage. Der für Umweltschutz, und technologische Zusammenarbeit zuständige (italienische) Europa-Kommissar Altiero Spinelli merkte in einer hausinternen Mitteilung an, vor dem Beitritt neuer Mitglieder solle in der EWG nichts Konkretes unternommen werden. Brüsseler Experten meinen aber, das sei angesichts der drängenden Probleme noch nicht das letzte Wort.

Sicher scheint indessen zu sein, daß die EWG im Umweltschutz nicht zur gemeinschaftlichen Gesetzgebung übergehen wird, ohne die neu beitretenden Briten, Dänen, Norweger und Iren stets zuvor um ihre Zustimmung zu fragen – oder doch zu konsultieren. Das kann den Fortgang nur verlangsamen.