/ Von Robert Lucas

Er sieht tatsächlich wie ein Guru aus, dachte ich: ein sanfter, schlaffgliedriger Riese mit wäßrigblauen Augen und einem wild wachsenden roten Rübezahlbart. Zu seinen Füßen: einer seiner Jünger mit schönen, keltischen Gesichtszügen, bloßbrüstig und barfüßig. Neben ihm auf dem Sofa kauernd: Sylvia, ein blasses, spitznasiges Mädchen, das eben erst aus Argentinien gekommen ist. Nach der Lektüre der Schriften des Doktors David Cooper hatte sie ein paar Kleider in ein Köfferchen gepackt und war nach London geflogen, um sich ihrem plötzlich entdeckten Idol anzuschließen. Cooper wirkt wie ein Magnet auf junge Menschen. Nicht zu Unrecht ist er der „Guru des Underground“ genannt worden.

„Sagen Sie lieber: Anti-Guru!“ meint der keltische Jüngling auf dem grell, aber alles andere denn psychedelisch gemusterten Teppich.

„Nennen Sie mich einen Anti-Psychiater“, sagt Dr. Cooper.

Ob man ihn als Anti-Guru bezeichnet oder als Anti-Psychiater, der Prophet der Anti-Familie ist die verkörperte Antithese der heiligsten Glaubenssätze der bürgerlichen Gesellschaft.

Seine Anfänge waren so konventionell wie die der meisten Revolutionäre. Er wurde vor vierzig Jahren in Kapstadt geboren. Sein Vater war Apotheker, „Church of England‚ aber nicht wirklich religiös“, bemerkt David Cooper. Er studierte Medizin, mit besonderer Betonung der Psychiatrie, und erhielt 1955 sein Doktordiplom. Das politische Klima in Südafrika sagte ihm nicht zu, so nahm er einen Job auf einem Dampfer an, der ihn nach London brachte. Hier versäumte er keine Zeit, sich nach Warschau durchzuschlagen, wo damals ein Internationaler Jugendkongreß stattfand. Damit wird bereits klar, daß seine Sympathien links lagen; de facto lagen sie, wie er selbst in den osteuropäischen Hauptstädten entdeckte, viel weiter links und östlicher als in der Moskauer Machtsphäre. Cooper wurde in China als „Repräsentant des revolutionären Südafrika“ gefeiert, bekannte sich in enthusiastischen Reden zum Großen Vorsitzenden und kehrte schließlich nach England zurück, um seine medizinische Laufbahn weiterzuverfolgen. Er arbeitete in mehreren psychiatrischen Kliniken und lernte den hochbegabten Schotten Dr. Roland Laing kennen.