Von Sepp Binder und Hans Schueler

Hamburg, im Juli

Die Hatz lief ab wie in einem schlechten Krimi: 3000 Polizisten pickten in Hamburg, Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen an mehr als zweihundert Straßensperren die BMW-Fahrer aus den Autokolonnen. Die überraschten Fahrer sahen sich bei den Kontrollen von Führerschein und Fahrzeugnummer von schwerbewaffneten Trupps mit Maschinenpistolen, Panzerwesten und Tränengas-Wurfkörpern umringt.

Wer der Winkerkelle nicht gehorchte oder sie zu spät bemerkte, wurde verfolgt und gestellt von Jagdkommandos und Hubschraubern. Tränen und Nervenzusammenbrüche wurden registriert, der Bürgerkrieg schien ausgebrochen. Die größte Fahndungsaktion seit 1945 rollte ab. In den dichten Fahndungsmaschen mußte etwas hängenbleiben.

14.15 Uhr: Ein hellblauer BMW 2002 TI (HH–RH 285) durchbricht auf der Stresemannstraße in Hamburg-Bahrenfeld mit überhöhter Geschwindigkeit eine Polizeisperre. Ein Polizei-VW prescht hinterher. Nach achthundert Metern biegt der BMW links in die Von-Sauer-Straße ein; die Fahrerin versucht, in den Bahrenfelder Kirchenweg zu entkommen. Die Verfolger schneiden den Linksabbieger und stellen ihn vor einem Straßenbauwagen.

Petra Schelm, zwanzig, Friseuse und schlechte Autofahrerin, springt aus dem Wagen. Ihr Begleiter, der Aufnahmeassistent beim NDR, Werner Hoppe, folgt ihr. Beide eröffnen mit ihren FN-Pistolen, Kaliber neun Millimeter, sofort das Feuer auf den Polizeiwagen. Ihr Fluchtweg geht zurück über die Von-Sauer-Straße in den Humperdinckweg. Sackgasse. Sie klettern über Gartenzäune und trennen sich dann. Werner Hoppe läuft durch den Rohbaukeller Silcherstraße 24 in den Bonnepark – er wird dort von einem Hubschrauber gestellt. Für ihn ist die Jagd zu Ende. Petra Schelm geht durch eine Hofeinfahrt in die Reineckestraße – und sieht sich mit zwei Polizisten konfrontiert. Sie schießt. Die Beamten erwidern das Feuer. Der erste Schuß, der trifft, ist tödlich.

Die bundesdeutsche Öffentlichkeit hat ihren Fall. Was als Fahndung nach gestohlenen Pkw nur schlecht getarnt war, erweist sich als Jagd auf Ulrike Meinhof. Die Wortführerin einer nach ihr benannten Anarchistengruppe, die sich immer weiter in die extreme Ecke drängen ließ, ist jedoch entwischt. Der Gruppe, die mancherorts mit leichter Feder zum „Staatsfeind Nummer eins“ gestempelt wurde, wird zugleich krimineller Terror – im Zeichen anarchistischer Ziele – vorgeworfen: Die Befreiung des Frankfurter Kaufhaus-Brandstifters Andreas Baader am 15. Mai 1970 in Berlin und Banküberfälle. Die Bildzeitung verlängert die Tatbestandsliste: Für sie ist die Meinhof-Gruppe auch noch für die bei den Osterdemonstrationen 1968 in Brand gesteckten Autos verantwortlich.