Zur Halbzeit der Bonner Regierungskoalition schrieb der FDP-Vorsitzende Scheel an Bundeskanzler Brandt:

„Wir gehen jetzt in die Halbzeit der ersten Bundesregierung aus SPD und FDP, und es ist mir ein Bedürfnis, Ihnen recht herzlich für die faire und verständnisvolle Zusammenarbeit in diesen beiden ersten Jahren zu danken. Bei voller Wahrung der Unabhängigkeit und Eigenständigkeit der beiden Partner ist es gelungen, diese Koalition ohne ernsthafte Krise über die erste Halbzeit zu bringen. Im Gegensatz zu früheren Kabinetten, vor allem zur Regierung Kiesinger, waren wir in der Lage, das gemeinsam erarbeitete Regierungsprogramm ohne Reibungen zwischen den Koalitionspartnern zu verwirklichen oder die Verwirklichung einzuleiten. Unsere Koalition hat im Deutschen Bundestag trotz ihrer knappen Mehrheit nicht eine Abstimmung verloren. Das ist eine parlamentarische Meisterleistung, für die wir beiden Fraktionen und besonders ihren Vorsitzenden Herbert Wehner und Wolfgang Mischnick Dank schulden.

Dieses Kabinett hat die Versäumnisse von einem Jahrzehnt deutscher Politik auf sich laden müssen. Es ist daher verständlich, daß mit unserer Regierungsübernahme übertriebene Erwartungen ebenso verbunden waren wie unangebrachte Befürchtungen. Die Zeit wird klären, daß wir außenpolitisch und innenpolitisch das Notwendige mit dem richtigen Gefühl für Maß und Ziel eingeleitet haben. Die Lage war teilweise so verfahren, wir hatten in den ersten beiden Jahren so viel zugleich anzupacken, daß wir uns nicht immer genügend darum kümmern konnten, die Popularität unserer Entscheidungen zu beachten. In der zweiten Halbzeit werden wir mehr Gelegenheit haben und nehmen müssen, um Verständnis für unsere Politik zu werben. Doch auch in Zukunft werden wir das sachlich und politisch Richtige auch dann durchsetzen, wenn es zunächst auf Widerstand stößt.

Die Freie Demokratische Partei hat den Entschluß zu dieser Koalition in völliger Unabhängigkeit getroffen und wird als eigenständig liberale Kraft ihren Beitrag dazu leisten, diese Koalition zum Erfolg zu bringen.“