Von Bernd Nitzschke

Noch immer haben Berichte aus dem „Schattenreich“ des seelisch kranken Menschen die Gesunden, die Allzu-Gesunden, fasziniert. Die Zeiten sind noch nicht sehr lange her, als Schausteller Tiere und Irre hinter Gittern auf dem Jahrmarkt präsentierten, das Publikum mit der Demonstration des Wilden, des Exotischen unterhielten. Die Gesunden wollten noch immer bestätigt bekommen, wie weit sie in ihrer heilen Welt entfernt sind von der „Kehrseite des Daseins“, Hier Ordnung, Disziplin, Rationalität – dort Chaos, Rätsel, Irrsinn. Diese Absonderung des Gesunden vom Kranken wird bei

Hans Bürger-Prinz: „Ein Psychiater berichtet“, Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg; 384 S., 26,– DM

als wissenschaftliche Erkenntnis ausgegeben, kategorisch postuliert. Kein Wunder also, wenn daraus ein Bestseller geworden ist.

Professor Dr. Bürger-Prinz, ein Vertreter jenes „unheimlichsten Forschungsgebietes der Medizin“ – wie der Klappentext bange machen will – ist nicht irgendwer: Innerhalb der akademischen Psychiatrie hat er sich in der Bundesrepublik einen Namen gemacht als Direktor der Hamburger Psychiatrischen Universitätsklinik und als Stargutachter vor Schwurgerichten, wenn es um Mord und Totschlag ging.

Ein Bestseller also – und wie leider häufig in solchen Fällen ein Ärgernis. Ein Ärgernis zunächst deshalb, weil hier einer unfreiwillig eine Sprachakrobatik vollführt, deren Entgleisungen sich bei näherem Hinsehen als notwendige Konsequenz des Inhalts dieses Buches erweisen, der dunkles, geheimnisvolles Raunen geradezu erzwingt. „Des Atemberaubenden wird deshalb kein Mangel sein. Wohl eher umgekehrt.“ – „Für keinen Menschen gibt es einen Ort ohne Menschen. Letztlich steht immer noch er selber da, auch am Nordpol. Seine zwei Menschenaugen sehen die Landschaft. Und Tausende schauen mit – aus ihm. Keiner ist einer.“ Was soll, was könnte das heißen? Die Beschwörung des Allgemein-Menschlichen vielleicht?

Das die Menschen Verbindende ist für Bürger-Prinz keinesfalls die konkrete Gesellschaft, in der sie leben. Diese existiert für ihn überhaupt nicht. Vielmehr ist die „Schöpfung“, das „Schicksal“ allen Menschen gemeinsam. Solch unbestimmte Gemeinsamkeit verträgt sich gut mit jener wahnwitzigen Überzeugung jedes einzelnen, er besitze eine naturwüchsige, unverwechselbare und einzigartige Persönlichkeit. Der Einzige ist sich seines Eigentums gewiß, doch weiß er es nicht zu enträtseln. Wohl möglich, daß ihm die Demonstration des Irren zu einer Abgrenzung, zu scheinbarer Identität verhilft. Ein solches als Individualität mißverstandenes Bewußtsein bedingt Isolation, verhindert konkrete Solidarisierung diesseits der „Schöpfung“ und gibt einen fruchtbaren Boden für modernen Schamanenkult ab. Die Beschwörung des Allgemein-Menschlichen ist nur die notwendige ideologische Ergänzung der postulierten individuellen Einzigartigkeit.