Von Gabriel Laub

Ursprünglich ist „Der behexte Schneider“ ein alter Schwank, der aus dem weiten Orient in die jüdische Folklore eingedrungen ist; die Geschichte mit der rätselhaften Ziege, die sich angeblich zweimal in einen Bode und wieder zurück in eine Ziege verwandelt und in Wirklichkeit einfach aus Jux zweimal ausgetauscht wird, gehört zu jenen komisch-realistischen Antimärchen, in denen die Hexerei als Schwindel entlarvt wird. Vor siebzig Jahren reicherte der Klassiker der jiddischen Literatur Scholem Alejchem die Geschichte mit charakteristischen Typen der damaligen jüdischen Kleinstadt an und gab seiner humoristischen Erzählung ein Ende, das weder in ein Märchenschema noch in ein humoristisches paßt: ein tragisches Ende. So entstand ein Büchlein, das jetzt in deutscher Erstausgabe erschien –

Scholem Alejchem: „Der behexte Schneider“, aus dem Jiddischen von Max Reich, mit 26 Farblithographien von Anatolij L. Kaplan, Universitas Verlag, Berlin (Lizenzausgabe des Verlages Volk und Welt, Berlin [Ost]); 127 S., 19,80 DM.

Inzwischen ist diese kleine, einfache, mit Lust, Poesie und Humor erzählte Geschichte mit ihrem typisch jüdischen „Lachen unter Tränen“ wieder zum Märchen geworden: Die enge, bunte, idyllische und bitterarme Welt der osteuropäischen jüdischen Kleinstadt gibt es nicht mehr; seit dem Zweiten Weltkrieg gehört sie endgültig der Vergangenheit, der Legende an.

Der Held dieses Buches, der Flickschneider Schimin-Elij (Simon-Elias) mit dem Spitznamen „Schimin-Elij-erhör-mich-Gott“, ist ein typisches Märchenschneiderlein wie etwa jenes, das „sieben auf einen Streich“ töten konnte (natürlich Fliegen), zugleich aber eine durchaus reale Gestalt seiner Zeit und seines Milieus. Die Landschaft, in die der Autor den Leser führt, voller phantastischer und – für den, der Russisch versteht – komischer Ortsnahmen (wie Petschi-Chwost = Back-den-Schwanz oder Pischi-Jabede = Schreibanzeigen), ist die naturgetreue Landschaft der damaligen „tscherta ossjedlosti“, des jüdischen „Ansiedlungsrayons“ im zaristischen Rußland. Nur dort, in der Südwestecke des Russischen Reiches, durften die Juden leben, in den kleinen Städtchen. Die großen Städte wie Kiew oder Odessa durften nur reiche Kaufleute, akademisch Gebildete und außerdem jene betreten, die dort eine Stelle als Hausdiener hatten. Und auch in den Dörfern wohnten nur wenige Juden, fast ausschließlich Gastwirte oder Handelsagenten der russischen und polnischen Gutsherren, denn auch Erwerb von Landbesitz war für sie beschränkt.

Die Juden lebten in ihren Getto-Städtchen als arme Handwerker und arme Krämer, die arme Kunden bedienten. Wieviel kann ein Armer schon bei anderen Armen verdienen?

Sie lernten die heilige Sprache – Hebräisch –, um die Bibel und den Talmud mit allen Kommentaren zu studieren; sie sprachen Jiddisch, eine Sprache, die ihre Vorfahren aus Deutschland mitgebracht hatten. Aus mittelhochdeutschen Dialekten entstanden, hat dieses seltsame Idiom viel aus dem Hebräischen übernommen und aus den slawischen Sprachen der Umgebung. Es ist eine geborene Erzählersprache, bilderreich wie die der Bibel, durch die ausgeliehenen Worte malerisch wendig und zugleich fähig, präzis zu charakterisieren. Wahrscheinlich kann man in keiner anderen Sprache so genüßlich philosophieren, und ganz sicher kann man in keiner anderen so gut Witze erzählen und so schön fluchen, ohne ein einziges ordinäres Wort zu gebrauchen.