Der Umschlag ist das Dekolleté eines Buches – je aufreizender, desto anreizender: im harten Konkurrenzkampf des Gedruckten gilt es, sich visuell durchzusetzen. Der Hinweis auf den Inhalt des dergestalt verführerisch Aufgemachten wird dabei immer mehr zur Nebensache; es genügt, daß das wählende Auge sich zum Kauf verlockt fühlt.

Sobald man der werbenden Koketterie des bunten Einwickelpapiers erlegen ist und das Buch erworben hat, kann die Hülle fallen. Der Schutzumschlag – neuerdings meist fettfleckfest, aber rißanfällig und durch unruhiges Hinundherwandem die Grenzen des Einbandes nicht respektierend – wandert in den Papierkorb. Ehe das vordem so gehätschelte Lieblingskind der Absatz-Strategen von dort in die ewigen Jagdgründe der Müllabfuhr überführt wird, bleibt ihm vielleicht noch Zeit, den Grund für seine schnöde Behandlung zu erkennen: Nicht mehr als ein graphischer agent provocateur‚ endete seine Funktion mit der erfolgreichen Anstiftung zum Delikt des Kaufes.

Recht geschieht ihm, dem Buchumschlag, denn schließlich gehört er nicht – wie sein erlauchter Verwandter, der Prachteinband – in die Kunstgeschichte, sondern zur Gebrauchsgraphik, bestimmt zum alsbaldigen visuellen Verbrauch. Wobei es, angesichts der Bemühungen renommierter Künstler um die Gewandungen der literarischen Muse, auch wieder ungerecht ist, der Umschlaggestaltung nur die niederen Weihen der „angewandten“ Kunst zu erteilen.

Eigentlich schade um die interessanten Papierchen, sagte sich der Mannheimer Buchhändler Curt Tillmann, und begann, sie zu sammeln. Das war nach dem Ersten Weltkrieg, in Tillmanns Münchener Studienzeit. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs besaß er mehr als zwölftausend Stück. Ein großer Teil davon war bald nur noch verkohltes Papier: Luftangriff auf Mannheim. Tillmann begann von neuem. Heute umfaßt das „Buchumschlagarchiv Tillmann“ 70 000 Umschläge und 3500 Originalentwürfe, nicht bombensicher, aber mit Pflegegarantie untergebracht im Deutschen Literaturarchiv im Schiller-Nationalmuseum in Marbach. Als Stiftung, die der Sammler weiterhin vermehrt.

Im Marbacher Literaturpantheon wird nun erstmals eine Auswahl aus den Beständen der Sammlung vorgestellt, beschränkt auf Beispiele aus der deutschen Verlagsproduktion der Jahre zwischen 1895 und 1950. Die Ausstellung, begleitet von einem fundierten Katalog, wie das in Marbach üblich ist, dauert bis zum 31. Oktober.

Dicht gedrängt und platt wie Flundern auf die Schauwände montiert, erinnern die Umschläge an Wein-Etiketten – man erfährt Jahrgang und Wachstum, nichts jedoch über die Geschmacksqualität des also deklarierten Inhalts. Es ist nämlich durchaus möglich, daß der Umschlag literarische Trockenbeerenauslese signalisiert, wo es sich offensichtlich nur um naßgezuckerten Kolportage-Verschnitt handelt. Etwa wenn Max Slevogt für Vosmeer de Spies Roman „Eine Leidenschaft“ einen in allen Fin-de-Siècle-Farben schillernden Bildtitel entwirft (1895), der ein strindbergsches Drama entwirft läßt.

Dieses Beispiel aus der Frühzeit verweist deutlich auf die Herkunft des neuen Werbeträgers vom Plakat: Die Buchumschläge Jules Cherets, des Großmeisters der Affiche, sind nichts anderes als Plakate in Kleinformat. Etwas vom Plakathaften ist aus naheliegenden Gründen an der Umschlaggestaltung immer haftengeblieben. Wo man dieses Element durch lineare Stilisierung oder Betonung des rein Illustrativen zu umgehen suchte, ging die eigentliche Wirkung verloren.