Die Krise der Hochschulen wie des Bildungswesens insgesamt, die das Bürgertum schon überwunden glaubte, läßt sich nicht mehr verleugnen. Die Konflikte an den Hochschulen nehmen zu. Die Reform des allgemeinbildenden Schulwesens stagniert. Die Neustrukturierung der Lehrerausbildung ist nicht gelungen. Der Lehrermangel hat sich verschärft. Die langfristige Bildungsplanung ist vorerst gescheitert. Kurzfristige Maßnahmen sind unter dem Druck der Reaktion zu faulen Kompromissen verkommen. Die finanziellen Voraussetzungen zur Behebung der Bildungskrise bestehen in keiner Weise.

Hilflos und moralisierend stochern Reformisten und Reaktionäre an den Vorgängen herum, die ihnen (zum Beispiel Nina Grunenberg) „bei aller Ungereimtheit (!) und Unvergleichbarkeit (!)“ wie „Alarmsignale“ wirken. Worum es bei der jüngsten Krise an der Freien Universität geht, können Schwan, Wesel, Baring und Grunenberg bei allem Haften an der Oberfläche der Erscheinungen und an individualistischen, idealistischen Erklärungsversuchen nicht fassen. Da man an die gesellschaftlichen Ursachen der Hochschulkrise nicht rühren will, spekuliert man, verbunden mit nicht unbeträchtlicher Larmoyanz, an den wirklichen Verhältnissen vorbei, als sei die Krise der FU das Ergebnis Kreibichscher Einäugigkeit, des Fehlens eines klaren Konzeptes in der SPD-Hochschulpolitik oder der unzureichenden Ausstattung der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Kunst (siehe den Roulette-Artikel des rechten Sozialdemokraten Schwan: „Die Chance gehabt und verspielt“); als sei die Krise der FU der Krise der Wissenschaft und der frustrierten Reaktion der Ordinarien auf „selbstverschuldete Unmündigkeit“ geschuldet (siehe Wesels Beschwichtigungselaborat: „Selbstverschuldet unmündig?“) oder dem „abgrundtiefen Mißtrauen aller gegen alle“ und „der Krise des wissenschaftlichen Selbstverständnisses“ (so die Grunenberg-Vermutung).

Arnulf Baring („Manchmal muß man allerdings eher lachen“) schließlich tut so, als sei das Ganze ein „Rufmord von beiden Seiten“, wobei er allerdings Wesel zustimmt: „Die Krise der Universität ist wirklich eine Krise der Wissenschaft.“ Nur huldigt Baring, dessen subjektivistische Wissenschaftsauffassung seit seinem Adenauerbuch jedermann geläufig ist, nur umstandsloser einem wissenschaftstheoretischen Aspektizismus („Wissenschaft ist notwendig pluralistisch“), dem in Anbetracht einer mehr als 200jährigen erkenntnistheoretischen Debatte und der Entfaltung des wissenschaftlichen Sozialismus Fortschrittlichkeit wohl nicht bescheinigt werden kann.

So begriffslos und ungenau aber die Charakterisierung der Krise ausfällt, so unscharf und hilflos bleiben die Ratschläge, die man zur Behebung der Krise empfiehlt. Grunenberg meint: „Die Uni braucht Frieden“, in der Rückkehr zur Rationalität läge die Lösung, eine neue Generation von Hochschullehrern und Studenten müsse heranwachsen. Wesel wünscht, „die Gegensätze ruhiger als bisher auszutragen, im Rahmen der dafür vorgesehenen Institutionen, durch Argumente“. Baring meint, die Krise würde nicht dadurch behoben, daß man „die wirklichen Gegensätze vor der Öffentlichkeit bagatellisiert und die wahren Konflikte verkleistert“.

In der Tat. Während die Liberalen wie Nina Grunenberg noch nach Mitteln zur Meisterung der Lage („flexibel in der Form, aber fest in der Sache“) Ausschau halten, hat sich Schwan bereits auf die Seite der Reaktionäre der „Notgemeinschaft“ für eine (von Kommunisten) freie Universität geschlagen und ruft – wie Frankfurter Allgemeine Zeitung, Die Welt, CDU/CSU und Bund „Freiheit der Wissenschaft“ – nach der Staatsgewalt. Er hat das Lavieren zwischen den Fronten aufgegeben und hat den Staatseingriff im Interesse kapitalistischer Herrschaft gefordert. Das haben die sozialistischen Studenten am Otto-Suhr-Institut klar erkannt und haben Schwan die entsprechende Antwort erteilt. Sie haben es satt, an einer Universität studieren zu müssen, die zwar die überfälligen Strukturen der feudalen Ordinarienuniversität mit Hilfe der Studentenbewegung zerschlagen hat, deren Strukturkrise aber keineswegs behoben ist. Im Gegenteil. Die gesellschaftlichen Widersprüche haben sich im universitären Ausbildungssektor verschärft. Einerseits ist die kapitalistische Gesellschaft offensichtlich nicht in der Lage, weder die notwendige Steigerung unproduktiver Ausgaben für Erziehung, Ausbildung und Wissenschaft noch auch die Verwissenschaftlichung der Ausbildung selbst in allen Fachrichtungen zu bewerkstelligen, andererseits sind immer größere Teile der Studentenschaft wie auch ein wachsender Teil der Dozenten und wissenschaftlichen Tutoren (wenn auch die kommunistische „Stellenexplosion“ eine angsterfüllte Projektion bürgerlicher Dozenten darstellt, die ihren Einfluß schwinden sehen) nicht mehr bereit, ihre Ausbildungs- und Forschungsinteressen den Kapitalverwertungsinteressen umstandslos zu unterwerfen.

Nicht das Hochschulgesetz, nicht die angebliche Machtfülle des Präsidenten, nicht der zwischen allen Fronten vermittelnde Wesel, nicht das wissenschaftliche Selbstverständnis, nicht das hysterisch beschworene rapide „Anwachsen des Einflusses linksextremer Gruppen auf den Studien- und Lehrbetrieb in geometrischer Progression“ sind die Ursachen der Krise; sie sind allenfalls deren Ausdruck.

Die Ursachen der Krise bestehen in der Unfähigkeit des Kapitalismus, in der Epoche der Verwissenschaftlichung der Produktion die Qualifikationsprobleme der Arbeitskraft lösen und zugleich den Klassencharakter von Wissenschaft und Ausbildung garantieren zu können. Der Satz Steins: „Der Prozeß der modernen Wissenschaft ist grundsätzlich nach jeder Seite hin offen ...“ ist eine bürgerliche Phrase. Grundsätzlich ist die Wissenschaft im Kapitalismus offen für die Interessen und Ziele des Kapitalismus. Dagegen beginnen die sozialistischen Studenten und Dozenten immer nachdrücklicher eine Wissenschaft im Interesse der proletarischen Revolution zu fordern, für ein sozialistisches Studium zu kämpfen, für eine Wissenschaft im Interesse der lohnabhängigen Massen, für eine Wissenschaft als eine Waffe der Kritik kapitalistischer Ausbeutung und imperialistischer, menschenfressender Gewalt.