Die EWG ist die Fortsetzung dessen, was mit der Montanunion begonnen wurde. Auch der Wirtschaftsgemeinschaft liegt die Strategie zugrunde, durch funktionale Auflösung der Probleme der "großen" Politik in weniger kontroverse "kleinere" wirtschaftliche, soziale, technische Fragen Solidarität und Interessenverflechtung stufenweise zu erreichen. Das ist kein pragmatisches Daherwursteln, sondern zielgerichtete Methode. Und mag auch das Praktizieren dieser Methode oft unpolitisch erscheinen, der Beschluß, sie einzuführen, und die nachfolgenden Entscheidungen, sie auf weitere Bereiche auszudehnen, sind in hohem Maße politisch.

Die zweite Entwicklungsphase Europas hat längst begonnen. Die erste Stufe erwies sich als tragfähig genug, um in Den Haag Ende 1969 den politischen Willen für ein neues Zehnjahresprogramm der zweiten Stufe zu mobilisieren. Der EWG-Vertrag und der von ihm ausgehende Sachzwang haben als Verlängerung über sich selbst hinaus den Stufenplan für die Wirtschafts- und Währungsunion hervorgebracht. Die Erweiterung der Gemeinschaft und die außenpolitische Zusammenarbeit gehen damit einher. Der Weg zu dem neu formulierten alten Ziel einer "europäischen Regierung, die auf den Gebieten der gemeinsamen Politik die erforderlichen Entscheidungen treffen kann und deren Amtsführung parlamentarisch kontrolliert wird", ist durch eine neue Etappe etwa bis 1980 abgesteckt.

Am Ende dieser Etappe soll es nicht nur einen Markt, sondern auch eine Währung geben mit allen Konsequenzen oder auch Voraussetzungen für eine gemeinsame Konjunktur-, Haushalts-, Struktur- und Sozialpolitik. Diese Entwicklung geht in einer erweiterten Gemeinschaft vonstatten, die ihr Übergangsstadium hinter sich hat und lernt, nach außen gemeinsam aufzutreten und ihre Außenbeziehungen verantwortlich wahrzunehmen.

Wieland Europa, der dieses Etappenziel in zehn Jahren wohl ebenfalls vor Augen hat, bezweifelt, daß die Gemeinschaft es je mit ihrer bisherigen Methode erreichen kann. Er glaubt, eine neue Methode entdeckt zu haben, die Davignon-Formel, die er auch für alle anderen Bereiche der Zusammenarbeit, vor allem für die Wirtschafts- und Währungsunion, empfiehlt.

Die Davignon-Formel, die lediglich vorsieht, daß die sechs (plus vier) Außenminister sich mindestens zweimal im Jahr und ihre politischen Direktoren mindestens viermal im Jahr treffen, um sich auf Vorschlag der Mitgliedstaaten über jede beliebige Frage der Außenpolitik zu konsultieren, ist noch keine neue Methode. Sie ist der Versuch, mit der außenpolitischen Zusammenarbeit anzufangen, ohne daß sich die Außenminister wegen sachlicher und politischer Schwierigkeiten auf ein Verfahren geeinigt hätten.

Wieland Europa hat dennoch recht, wenn er den Beginn der außenpolitischen Konsultationen für erfolgreich hält. Nur übersieht er zwei wichtige Punkte:

Erstens: Die Konsultationen führen bei aller institutionellen Unverbindlichkeit sachlich zum Erfolg, das heißt zu einer gemeinsamen Haltung und wahrscheinlich bald auch zu gemeinsamem’ Vorgehen, weil sie von den sechs Außenministern der Europäischen Gemeinschaft geführt werden, die in Brüssel gelernt haben, zusammen Entscheidungen zu fällen. Ihre Regierungen sind durch die erreichte Interessenverflechtung und wegen der Bedeutung, die wirtschaftliche Fragen samt dem möglichen Einsatz von Ressourcen heute für die Außenpolitik haben, auch außenpolitisch miteinander kooperationsfähiger als mit anderen Staaten. Der Schlüssel zum Erfolg der Davignon-Formel liegt in Brüssel.