Fernsehkritik als Ideologie

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ganze Bevölkerungsgruppen zu diskreditieren. Wenn ein geschickter Kameramann es darauf anlegt, kann er jeden von uns als "Untermenschen" porträtieren.

Man spricht von "Fernsehen als Ideologie". Das ist nicht unberechtigt. Aber wie wäre es, wenn wir auch einmal von Fernseh-Kritik als Ideologie sprächen. Die vielzitierte Polarisierung des politischen Lebens in Deutschland manifestiert sich nicht nur in den Magazinen und dem Kampfgeschrei "hie Löwenthal, hie Merseburger"; auch die Fernseh-Kritiker gehen immer häufiger zu dem Prinzip über: "Haust Du meinen Linken, hau ich Deinen Rechten" und umgekehrt. Der Informationsgehalt und die Redlichkeit einer Dokumentation – wer mag schon von Wahrheit reden – bleibt da nicht das letzte Kriterium, sondern der Filmbericht wird daran gemessen, ob er in die ideologische Marschrichtung eines gewissen Kritiker-Kreises und gelegentlich sogar in ihre vorgefaßten Meinungsschablonen paßt. Man erlaube mir, ein persönliches Beispiel zu zitieren: Als ich ab 1965 auf Grund persönlicher Untersuchung zu der Auffassung kam, daß Amerika in Vietnam einem militärischen und psychologischen Fiasko entgegensteuerte, rief man "bravo". Wenn ich auf Grund ebenso sorgfältiger Untersuchungen und Erfahrungen in Afrika zu dem Schluß komme, daß der afrikanische Sozialismus gescheitert ist, schüttelt man tadelnd das Haupt.

In den öffentlich-rechtlichen Anstalten der Bundesrepublik wird häufig die Frage diskutiert, ob unsere Berichterstattung gerade in der Innenpolitik nicht langweilig, konventionell und spießig ist. Aber das Fernsehen kann wohl in diesem Falle nicht interessanter sein als die politische Gesellschaft, die es spiegelt. Eine Dämonisierung des biederen Bonner Milieus liefe auf eine totale Verfälschung hinaus. Um einen Gegenbeweis anzutreten: Solange de Gaulle in Frankreich herrschte, bot sich in diesem Land Gelegenheit zu aufrüttelnden Reportagen. Die Ära Pompidou steht nicht mehr im Schatten der "monstres sacrés", und André Malraux – um nur diese "Kassandra" des gaullistischen Regimes zu zitieren – steht heute der Fernseh-Öffentlichkeit nicht mehr zur Verfügung.

Den genannten Kritikern geht es in Wahrheit ja nicht um die Entideologisierung des Deutschen Fernsehens, sondern um die Einführung einer neuen Ideologie oder Weltanschauung. Nun ist der Verfasser dieser Zeilen auch der Überzeugung, daß dem Sozialismus in dieser oder jener Form die Zukunft gehört, daß das ererbte Eigentum an Produktionsgütern den kommenden Generationen als ein ebenso unerträgliches Privileg erscheinen mag wie die Vorrechte des Adels dem Bürgertum vor 200 und 100 Jahren. Doch wir können nirgendwo feststellen, daß die Ideologie des Sozialismus, wo immer sie zur ungeteilten Macht kommt, eine Form der Nachrichtengebung und Information, ja sogar der künstlerischen Gestaltung gefunden hätte, die uns überzeugt und zur Nachahmung ermuntert. Avantgardistische Experimente unter den Jungfilmern Deutschlands sind in vielen Fällen spätbürgerliche Phänomene und kommen nicht über blasse Godard-Imitationen hinaus. Man kann keine revolutionäre Kunst erfinden in einem Land wie der Bundesrepublik, wo keine objektive prärevolutionäre Situation existiert, es sei denn, man verkapselte sich in einem volksfremden, manieristischen Esoterismus. So sehr ich Rainer Werner Fassbinder schätze und mich ausdrücklich für die Ausstrahlung seiner Filme durch den Westdeutschen Rundfunk eingesetzt habe: Die "Niklashauser Fart" ist kein erfolgversprechendes revolutionäres Pamphlet. Die wirkliche Revolution ist eine zu ernste Sache, als daß man geschmäcklerisch und formalistisch mit ihr spielen dürfte. Am Ende einer radikalen linksextremistischen Machtergreifung – so fürchte ich – steht immer wieder der "sozialistische Realismus" und sogar die Drohung Schdanowscher Intoleranz.

Was kann trotzdem getan werden, um die Informationsmethoden des Deutschen Fernsehens aus der Routine zu lösen, in die sie zwangsläufig nach 15jähriger Tätigkeit geraten sind? Die Vorschläge zur Entideologisierung, die uns heute entgegengehalten werden, würden nur zu einer verstärkten Ideologie mit veränderten Vorzeichen führen. Ich muß gestehen, daß mich vorgefaßte Meinungen langweilen. Ein so wacher politischer Typus wie der Pariser Zeitungsleser hat stets der "Presse d’Information" den Vorzug vor der "Presse d’Opinion" gegeben. Es kann nicht Aufgabe des Fernsehens sein, die gesellschaftlichen Strukturen konsequent verändern zu wollen, genauso wenig wie es seine Rolle ist, diese Strukturen sakrosankt zu erhalten. Die Funktion des politischen Journalisten im Fernsehen sollte zunächst einmal die eines Chronisten sein, der das Ereignis des Tages so exakt und so intelligent wie möglich darstellt, um daraus Deduktionen für künftige Entwicklungen und entsprechende Prognosen zu formulieren. Die Information über das zwielichtige Dilemma des amerikanischen Vietnam-Krieges war ja erst die Voraussetzung für jene verspätete Welle der moralischen Entrüstung, die zur gängigen Mode wurde. Der Kolonialismus ist anachronistisch und moribund, aber der derzeitige masochistische Antikolonialismus der Europäer ist nicht viel mehr als ein emotioneller Neokonformismus. Wie viele von denen, die sich heute zu Recht über die Pentagon-Papiere ereifern, gehörten doch noch vor acht Jahren zu den glühendsten Kennedy-Verehrern, obwohl auch damals schon die Schattenseiten dieses Präsidenten ausgerechnet bei der Ermordung des südvietnamesischen Diktators Diem sichtbar wurden? Wer hat es seinerzeit riskiert, den Hammarskjöld-Mythos in Frage zu stellen, als alle progressiven Kräfte den UN-Generalsekretär noch als Friedensengel verehrten? Wer wagt zu sagen, daß Frantz Fanon ein pathetischer Einzelgänger am Rande der Revolution war und daß er Bindungen zur CIA unterhielt? Wer von unseren jungen Revolutionären – denen wir übrigens im Hinblick auf den Abbau von unerträglichen Tabus unserer Gesellschaft viel verdanken – ist sich bewußt, daß ihre Verehrung für die großen Gestalten der Dritten Welt und in erster Linie für die ehrwürdigen Greise Mao Tse-tung und Ho Chi Minh – wer sagt übrigens, daß die Gerontokratie zu Ende sei? – sich durchaus mit der rousseauistischen Schwärmerei des 18. Jahrhunderts für den "bon sauvage" vergleichen läßt?

Soziologie ist Mode. Adorno und Horkheimer sind auch im Hinblick auf das Fernsehen Propheten, die man im Wortlaut zitiert. Jede Epoche hat ihre Kirchenväter. Persönlich würde mir eine andere Leitgestalt vorschweben für den politischen Journalismus, der im wesentlichen gewissenhafte und intelligente Chronistenarbeit sein sollte, nämlich Alexis de Tocqueville, der vor 100 Jahren bereits die Doppelhegemonie Rußlands und Amerikas sowie die Rassenspannungen in den USA voraussagte.

Fernsehkritik als Ideologie

Was der aktuellen Information im Fernsehen heute fehlt, ist die Vertiefung und die Analyse der Nachricht. Das Programmschema stimmt nicht. In einer Tagesschau von 15 Minuten lassen sich allenfalls die Nachrichten des Tages komprimieren. Ihre Deutung ist ausgeschlossen. Selbst in diesem bescheidenen Rahmen stößt das Fernsehen oft auf die unüberbrückbaren Widersprüche von Bild und Text. Das aktuelle Bildangebot ist unzureichend und wird es noch lange bleiben. Deshalb sei man gnädig mit jenen Auslandskorrespondenten, die sich im Schatten des Weißen Hauses oder des Eiffelturms zu Wort melden. Wollten sie jede Aussage krampfhaft bebildern, müßten sie auf die Darstellung der meisten Zusammenhänge verzichten. Die Präsenz am Platz des Geschehens, auch wenn das visuelle Ritual diskutabel ist, bleibt weiterhin die unentbehrliche Voraussetzung guter Informationen und sollte auch optisch verifizierbar sein. Um ein Beispiel zu zitieren: Fast jedes "News Extra" von Edmund Gruber aus Israel enthält eine Information – auch ohne Filmeinblendung – die diese Form des "Statement" rechtfertigt. Man hüte sich auch davor, dem Kommentator am heimatlichen Studio-Tisch generell den Vorrang zu geben. Hier wird allzu oft Information durch Meinung ersetzt. Gerade die ideologisch engagierten Journalisten sollten gelegentlich am Ort des Geschehens ihre doktrinären Vorurteile an den Realitäten messen. Wie sagte doch der progressistische Chefredakteur des "Nouvel Observateur", Jean Daniel, nachdem er in Leopoldville Patrice Lumumba interviewt hatte: "Ici, l’idéologie en prend un sacre coup" – trivial übersetzt: "Die Ideologie geht hier ganz schön baden."

Die Zeit naht, da die öffentlich-rechtlichen Anstalten aus einer ganzen Reihe von Gründen, die zu erörtern hier der Raum fehlt, ihre Unterhaltungs- und Fernsehspiel-Produktionen nicht mehr aus eigenen Mitteln finanzieren und exklusiv gestalten können. Die eigentliche und privilegierte Domäne des öffentlich-rechtlichen Fernsehens – in der Perspektive von Kassette, Satelliten, Internationalisierung und Kommerzialisierung – wird die aktuelle Information bleiben. Deshalb ist es die vordringliche Aufgabe aller Programmplaner und Mitarbeiter, neue Ideen und Modelle auf diesem Sektor zu suchen. Die heutige Tagesschau – das weiß man auch in Hamburg – ist obsolet. Aber das erweiterte Tagesmagazin, das die Nachricht des Tages vertiefen, deuten und analysieren soll, ist noch nicht erprobt. Mit den Experimenten sollte unverzüglich begonnen werden. Diese notwendige und heilsame Entwicklung darf nicht dadurch verzögert werden, daß im traditionellen Programmschema des Abends kein ausreichender und adäquater Sendetermin gefunden wird. Über die konkrete Gestaltung dieser erweiterten Information wird es dann manche Debatten geben, die natürlich auch nicht frei sein werden von Ideologie. Die engagierten Fernseh-Kritiker werden also noch zu ihrem Recht kommen.