Die Kredit-Finanzen GmbH, 1 Berlin 66, Vossstraße 22, gab sich ungemein kulant. Sie bot Soldaten und Bonner Beamten großzügige Darlehensbedingungen an. In den Kreditanträgen bat die Gesellschaft ihre potentiellen Kunden lediglich, sie möchten ihre Kreditgründe unter den bereits vorgedruckten Antworten ankreuzen und den Antrag nach Berlin zurückschicken.

Diejenigen Kreditsuchenden, die sich in die Rubrik „Gründe, über die ich nicht sprechen möchte“ eintrugen, hatten die größte Aussicht auf Erfolg. Denn an ihnen waren die Berliner Finanziers am meisten interessiert.

Hinter der „Kredit-Finanzen“ Gesellschaft steht nach Meinung des Kölner Verfassungsschutzes der militärische Geheimdienst der DDR. Und die DDR-Geheimdienstler empfinden wirtschaftliche und finanzielle Schwierigkeiten immer noch als das geeignetste Mittel für Agentenwerbung.

Das jedenfalls hat die Spionageabwehr der Bundesrepublik in ihrem noch vertraulichen Rechenschaftsbericht 1970 deutlich herausgestellt. Auch im vergangenen Jahr zeigte sich wieder, daß die östlichen Geheimdienste ihre Agenten häufig in den Dienst der Wirtschaftsspionage stellen. Dabei ist nicht einmal, in erster Linie die Rüstungsindustrie der Bundesrepublik Objekt der östlichen Späher, wie gemeinhin angenommen wird. So zumindest steht es in den amtlich noch geheimgehaltenen „Erkenntnissen aus der Spionagebekämpfung 1970“, die auf 67 Schreibmaschinenseiten notiert wurden.

Im vergangenen Jahr erkannten die Bonner Staatsschützer 133 gegen die deutsche Wirtschaft gerichtete Spionageaufträge östlicher Nachrichtendienste. Daß Bonn den Spähern auf die Schliche kam, hat weniger mit der Recherchierkunst der deutschen Abwehr zu tun, sondern ist dem Appell von Innenminister Hans-Dietrich Genscher zuzuschreiben, der den Spionen weitgehende Straffreiheit für den Fall zugesichert hatte, daß sie sich selbst stellen.

Zu den aktivsten Spionen in der Bundesrepublik zählen die DDR-Agenten. Etwa 80 Prozent der Spionagetätigkeit in der Bundesrepublik wird von Ostberlin aus gesteuert. Dem Geheimbericht zufolge entfallen von den 133 Spionageaufträgen gegen die Wirtschaft allein 118 auf die DDR-Auftraggeber. Elektroindustrie und Forschungsstellen der Wirtschaft sind begehrtestes Forschungsfeld der Agenten. Auf beide Bereiche entfielen 59 der enttarnten Aufträge, auf die Rüstungsindustrie dagegen nur ein Dutzend.

Dem Genscher-Appell ist übrigens zu verdanken, daß zahlreiche Spionageaufträge nicht ausgeführt wurden: Von den 133 entdeckten Aufträgen, die sich gegen wirtschaftliche Ziele gerichtet haben, waren nur 49 ausgeführt.