Der Aktienindex an der Londoner Börse ist innerhalb weniger Tage um 6 Prozent gestiegen. Englische Broker sehen darin nur einen Anfang. Sie halten in den kommenden Monaten einen weiteren Anstieg um 10 Prozent für möglich. Begründung; Die konservative Regierung wird die Konjunktur ankurbeln, um die Arbeitslosenrate zu senken. Dazu muß sie der Industrie höhere Erträge sichern, denn sonst wird nicht investiert. Angesichts dieser Aussichten haben einige deutsche Fonds ihren England-Anteil verstärkt. Dieses Engagement stellt jedoch keine Daueranlage dar. Nach einem Kursanstieg von mehr als 30 Prozent innerhalb von reichlich drei Monaten kann es sehr rasch zu einem Rückschlag kommen. Wann er eintritt, ist schwer voraussehbar. Die Gefahr wird groß, sobald Wall Street wieder Tritt gefaßt hat und einen klaren Trend nach oben zeigt. Dann wird die internationale Börsenspekulation in London ihre Gewinne mitnehmen.

An der US-Börse gab es einen Rückschlag. Ausgelöst wurde er durch eine leichte Zinsanhebung, die Zweifel ausgelöst hat, ob es der Regierung Nixon zum jetzigen Zeitpunkt noch ernst mit der wirtschaftlichen Wiederbelebung ist. Verstimmt hat weiter, daß IBM für das zweite Quartal keinen steigenden Gewinn mehr ausweist. Das sieht man als ein Alarmzeichen an.

Nachdenklich stimmt ferner, daß erstmals bei den US-Fonds die Rückflüsse überwogen haben. Dadurch ist eine der wesentlichen Käufergruppen für US-Aktien praktisch zum Stillhalten verdammt. Deutsche Anlagemanager, die sich fest vorgenommen hatten, ihr US-Engagement zu verbreitern, wenn der Dow-Jones-Index die 900er-Marke unterschreiten sollte, bekamen Angst vor ihrer eigenen Courage und stellten ihre Anlagepläne weiter zurück. „Wenn der Dow Jones auf 830 sinken würde, hätten wir keine Hemmungen mehr...“

Zu teilweise beträchtlichen Kursgewinnen kam es an der Tokioter Börse. Europäische Anleger nahmen im Laufe der Hausse die Chance wahr, Kursgewinne zu kassieren. Die meisten Besitzer japanischer Aktien scheinen allerdings zu früh ausgestiegen zu sein. Der angekündigte Besuch Präsident Nixons in Peking hat der japanischen Börse nämlich neuen Auftrieb gegeben. Entspannt sich das Verhältnis der USA zu Rotchina, dann müßte sich das auf die Handelsbeziehungen Japan–China positiv auswirken.

Die Pariser Börse gab auch in den letzten Wochen wieder Rätsel auf. Der von vielen seit langem vorausgesagte „Durchbruch“ ist in weite Ferne gerückt. Der rasche Preisanstieg in Frankreich, gegen den Preisstopps wenig ausrichten, schwört neue soziale Unruhen herauf. Die Aussicht darauf hält das internationale Kapital davon ab, sich in französischen Aktien zu engagieren. Aus eigener Kraft kann sich der französische Aktienmarkt aber nicht bessern. Daran wird auch der Plan der Börsenreformkommission nichts ändern, die dem Finanzministerium empfohlen hat, den Aktienkauf durch Steueranreize attraktiv zu zu machen, K. W.