Streiks sind in Frankreich wieder an der Tagesordnung. Nach einem ruhigen Jahr 1970 und einem Winter ohne spektakuläre Arbeitskämpfe ist mit dem Frühjahr die Unruhe an der Sozialfront ausgebrochen. Die große Explosion vom Mai 1968 hat sich zwar nicht wiederholt. Doch die Auseinandersetzungen in den Betrieben und auf der Straße haben wieder eine Härte erreicht, (die lange Zeit überwunden schien.

Frankreichs Gewerkschaften wittern neue Chancen. Die Taktik scheinen sie ihren italienischen Kollegen abgeschaut zu haben. So kritisiert François Ceyrac, Vizepräsident des Arbeitgeberverbandes CNPF: „Die kommunistische CGT und die linkskatholische CFDT sind zu italienischen Taktiken übergegangen und vermischen berufliche und politische Zielsetzungen. Sie wollen ein soziales Klima schaffen, das zu einem politischen Umsturz führen muß.“

Sozialen Sprengstoff liefert zudem die Preisentwicklung in Frankreich. Bis April verteuerte sich die Lebenshaltung um 2,1 Prozent, was einer Jahresrate von über sechs Prozent entspricht. Kein Wunder also, daß sich die Arbeiter um die Kaufkraft ihrer Löhne sorgen.

Nach dem fünf Wochen dauernden Streik bei Renault, dem Eisenbahner-Ausstand und vielen Arbeitsniederlegungen und Fabrikbesetzungen in der Provinz spricht Premierminister Chaban-Delmas nicht mehr oft von seinem politischen Lieblingskind, der „Neuen Gesellschaft“. Zusammen mit einer reformfreudigen Equipe kompetenter Mitarbeiter wollte der Regierungschef den klassenkämpferischen Auseinandersetzungen damit ein Ende machen.

Eine Schlüsselrolle hatte Chaban-Delmas einem 46jährigen Beamten zugedacht, der vor einigen Monaten noch der große Unbekannte unter den einflußreichen Männern im Kabinett des Premiers war: Jacques Delors.

Der Spitzenberater in allen Sozialfragen ist eine Ausnahmeerscheinung. Er hat weder eine der großen Schulen besucht, noch gehört er zum exklusiven Beamten-Club der Finanzinspektion. „Und dennoch“, so kommentierte L’Express, „ist sein Einfluß entscheidend.“ Delors Urteil hat ein solches Gewicht, daß das Wirtschaftsmagazin Expansion den Begriff des „Sozial-Delorismus“ prägte. Delors Blitzkarriere begann bei der Bank von Frankreich. Bei der CFTC, einer Minderheit in der katholischen Arbeiterbewegung, verdiente er seine gewerkschaftlichen Sporen. Für seine Kollegen von früher ist er der „Genosse Delors“ geblieben. Noch heute legt er Wert auf die Feststellung, daß er ein Linker ist. Und er ist Gewerkschaftler, weil er links steht.

1962 hielt Delors Einzug im Plankommissariat. Chefplaner Pierre Masse hatte eigens eine Stelle für den überzeugenden jungen Mann geschaffen. Der zeichnete sich ein Jahr später beim großen Arbeitskampf in den Lothringer Kohlegruben aus. Ein paar Jahre später wurde Jacques Chaban-Delmas, damals noch Präsident der Nationalversammlung, auf ihn aufmerksam. Und auch die Opposition wollte sich die Talente Delors sichern. François Mitterand, heute Führer der neuen sozialistischen Partei, schlug einen sicheren Wahlkreis für die Kandidatur zur Nationalversammlung vor.