In eine betonierte Zukunft?

Von Dieter Bachmann

Fünf Jahre dauerte die "Ära Düggelin" an den Basler Theatern auf jeden Fall; von 1968 bis 1973. Was nachher kommt, ist heute ungewiß. Diese fünf Jahre brachten und bringen dem Basler Theater, bis dahin in kleinstädtischem Dämmerschlaf, internationale Resonanz – ein Publikum, das auch eine Bahnfahrt nach Basel nicht scheut, zwei Einladungen zum Berliner Theatertreffen, zwei römische Preise, Gastspiele von Dubrovnik bis Iserlohn, eine aufmerksame und oft begeisterte internationale Kritik. Vor allem aber brachten sie Basel selbst ein Theater, auf das es nicht nur stolz sein kann, weil es Rang und Ansehen erhielt, sondern weil Basel mit Fug diese Bühnen als sein Theater betrachten darf.

Als vor Jahren für den damaligen Intendanten Friedrich Schramm ein Nachfolger gesucht werden mußte, war Werner Düggelin unter vielen Kandidaten der unwahrscheinlichste; die Verwaltung sagt heute: "Die Experten waren der Auffassung, es sei wenig aussichtsvoll, diesen international anerkannten Theatermann, der damals an zahlreichen bedeutenden Bühnen im deutschsprachigen Raum als Regisseur tätig war, für Basel zu gewinnen." Nun, Werner Düggelin wird an der neuen Möglichkeit gerade auch ihr Handicap gereizt haben: mit relativ kleinen Mitteln in einem bisher unbedeutenden Spielbetrieb Theater nach seinen Vorstellungen zu realisieren. Ein lokales Theater außerhalb der internationalen Konkurrenz ist leichter nach eigenen Einsichten zu formen als ein Schauspielhaus, das unentwegt auf seine Tradition pocht. Freilich setzte der Schwyzer Düggelin auch am richtigen Ort an; mit seiner ersten Spielzeit propagierte er ein "Theater für Basel; spezifisches Theater für diese spezifische Stadt."

Heute ist seine Bindung an die Stadt die Stärke dieses Theaters. Das zeigte sich im Frühjahr, als Unheil dräute. In der Stadt hingen Plakate zur Inszenierung von Horváths "Zur schönen Aussicht", auf welchen die Textpassage stand: "Es gibt einen lieben Gott, aber auf den ist kein Verlaß. Er hilft nur ab und zu, die meisten dürfen verrecken. Man müßte den lieben Gott besser organisieren. Man könnte ihn zwingen. Und dann auf ihn verzichten." Selbstverständlich, es gab Proteste, Zuschauerbriefe und selbst eine Strafanzeige gegen Werner Düggelin. Der Skandal, der Grundsatzfragen evozierte, wurde im Großen Rat behandelt, wo mit Rückens "Du druckst mit Unbedacht dein Wort", aber auch Schillers "Das Alte stürzt, es ändern sich die Zeiten" gefochten wurde, allerdings auch prosaischer, mit satten bekannten Merksätzen: "Wollte man vielleicht die Grenze unserer Gutmütigkeit auf die Probe stellen? Dann haben jene Instanzen insofern ihr Ziel erreicht, als wir nicht gewillt sind, das länger hinzunehmen."

Als aber am 26. Mai eine außerordentliche Generalversammlung der Genossenschaft der Basler Theater stattfand, zeigte es sich, daß die Mehrzahl der Basler Theaterinteressierten "das" nicht nur weiter hinnehmen wollten – das Tribunal wurde zu einem Sieg der Direktion Düggelin und zu einem "Harakiri der Theatergegner", wie dann die "Basler Woche" titelte. Eine solche Sympathiekundgebung war nur möglich, weil es Düggelins Crew in den drei Jahren ihrer Arbeit verstanden hatte, das Theater mascheneng mit der Stadt zu verhäkeln.

Der schlaue Werner Düggelin ließ sich nicht auf den Ast der Ideologie hinaus wie seinerzeit Peter Löffler in Zürich. Darauf angewiesen, einen Dreispartenbetrieb (Schauspiel, Oper/Operette, Ballett) in zwei Häusern (Stadttheater, etwa 1000 Plätze, Komödie, etwa 600 Plätze) durch das enge Tor der Finanzen (gesamter Etat 10 Millionen Franken, Subventionen 8 Millionen) und durch das Nadelöhr der Publikumsgunst zu bringen, bot er Zucker und Peitsche: Nestroys "Talisman" neben Bonds "Gerettet", in schweizer-deutscher Fassung; Offenbachs "Pariser Leben" neben Brechts "Pauken und Trompeten"; Kleists "Zerbrochenen Krug" neben den "Jagdszenen aus Niederbayern". Und er hatte das Glück, gleich in der ersten Spielzeit einige aufsehenerregende Inszenierungen zu zeigen: Hans Hollmanns hervorragende "Kasimir und Karoline", Hans Bauers "Onkel Wanja". Als Attraktion wirkte Friedrich Dürrenmatt, der für diese Saison seinen "König Johann" nach Shakespeare und "Play Strindberg" nach Strindbergs "Totentanz" beisteuerte. Später trennte man sich im Zorn und – vor allem von Seiten Dürrenmatts – auch unter Abgesang wilder Beschimpfungen. Dennoch, Friedrich Dürrenmatts Präsenz war Katalysator des Erfolgs.

Der ergab sich am Stadttheater, bei seiner Mischung von Schauspiel, Oper, Operette und Ballett, allerdings leichter als an der ganz dem Schauspiel vorbehaltenen Komödie. Das kleine Haus machte Schwierigkeiten, vor allem deshalb, weil es ein vom Stadttheater völlig verschiedenes Stammpublikum hatte. Düggelins Vorgänger an der Komödie war Egon Karter gewesen, und der hatte – freilich unbekümmert um Qualität – pro Saison 40 bis 45 Premieren, weitgehend mit Boulevard-Charakter, lanciert. Der schnelle Programmwechsel hielt das Publikum im Theater; Düggelin aber setzte die Zahl der Premieren mit dem Ziel der Qualitätssteigerung sofort auf ein Dutzend herab. Das vor allem ergab einen Publikumsschwund, der Düggelin immer wieder vorgerechnet wird. Seit der zweiten Spielzeit 1969/70 geht es auch in der Komödie aufwärts – nicht zuletzt dank Hans Bauer Inszenierung von Becketts "Godot", die ein ständig ausverkauftes Haus brachte (bei, notabene, kleinsten Kosten), die in die Spielzeit 1970/71 übernommen wurde, jetzt vom Deutschen Fernsehen aufgezeichnet wurde und auch zur nächsten Saison wieder gegeben wird. Im übrigen: Von 25 922 frei verkauften Karten der Komödie in der Spielzeit 1970/71 waren 17 591 Schüler- und Studentenkarten – an der Komödie wechselte nicht nur der Spielplan, sondern auch das Publikum.

In eine betonierte Zukunft?

Nun hat die Direktion Düggelin nicht nur Qualitäts-, sondern auch Zeitbewußtsein. Für Qualität sorgen eine nach außen zurückhaltende, aber effektiv wirkende Dramaturgie unter Hermann Beil, Regisseure wie Hans Bauer (unlängst verstorben), Hans Hollmann, der Tscheche Jiři Menzel, nicht zuletzt Düggelin selbst. Aber vor allem: ein Ensemble, dessen Mitglieder wie Kletten aneinander hängen. Keine übergroßen Namen, keine Stars, keine reisenden Primadonnen und Hauptrollenpanther, dafür gute Begabungen, die durch die langwährende gegenseitige Erprobung zu überdurchschnittlichen Leistungen kommen. Der Erfolg eines "Godot" – er hängt selbstverständlich auch daran, daß Hubert Kronlachner, Horst Christian Beckmann, Peter Brogle, Paul Gogel allesamt vorzügliche Schauspieler sind. Aber der kürzliche Erfolg von Gombrowicz’ "Operette" (25 Schauspieler plus Chor) ist nur möglich mit einem Ensemble, das in der kontinuierlichen Arbeit dreier Jahre an sich selbst gewachsen ist. Zu einem solchen Ensemble findet die Stadt eine Beziehung, das Ensemble wiederum zu seinem Theater. Diese gegenseitige Identifikation ist die tiefste Wurzel des Basler Erfolgs.

Zeitbewußtsein: Die Mannschaft Düggelins hat das Theater, das sie macht, auch geschichtlich fixiert. Sie zeigt das Theater der Vergangenheit als ein diese Zeit betreffendes, und sie deutet mit dem Theater der Gegenwart auf Standorte dieser Zeit. Aber darüberhinaus verweist sie noch konkreter auf den Zusammenhang von Theater und Stadt, von künstlerischem Metier und Zeitgeschichte. Drei Tage, nachdem Werner Düggelin sein Ensemble zum erstenmal versammelt hatte, fand am 8. September 1968 im Stadtheater eine Matinee statt, aus Anlaß der Okkupation der ČSSR im August. Peter Bichsel, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, ^ünter Grass und Kurt Marti sprachen zu diesem Anlaß. Bezugnahme eines Theaters zu aktueller Wirklichkeit. Das fand in den Basler "Montag-Abenden" eine Tradition. Dort veranstaltet man Themenabende – "Dienstverweigerung", "Was ist Pornografie",

"Die Schweiz im Lesebuch", "Wehrbereitschaft" –, Musikveranstaltungen – von Mauricio Kagels "Musikalischem Theater" über Jazz- und Popkonzerte bis hin zu "Sound + Poetry" mit dem John Tschicai Quartet und Peter Handke. Aktivitäten, die in dieser Saison mit der Aufführung von sechs Schweizer Einaktern unter dem helvetischen Titel "Biertisch-Gespräche" einen Höhepunkt fanden. Praxis in Basel ist aber auch, neben dieser singulären Produktion, daß das Theater, dank eines privaten Stipendiums, Schriftsteller als Hausautoren an sich bindet. Der Grazer Harald Sommer ist Stipendiat – und gab der Komödie seinen Erstling "Ein unheimlich starker Abgang". Dieter Forte ist Stipendiat – und präsentierte "Martin Luther und Thomas Münzer". Im August kommt Jörg Steiner nach Basel. Hermann Beil glaubt, "daß Autoren zum Theater gehören wie Schauspieler, Bühnenbildner und Regisseure". Die Theorie hat Praxis: diese mit monatlich 1500 Franken dotierten Stipendien, aber auch die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Malergesellen Heinrich Henkel, dessen Basler Erstling "Eisenwichser" inzwischen von zahlreichen Bühnen nachgespielt worden ist.

Was nach dem Frühjahr 1973 sein wird, das wissen nun allerdings die Theaterleute selbst noch nicht. Zwar ist neben dem ehrwürdigen, 1875 erbauten Stadttheater der kolossale Rohbau des neuen Basler Theaters in die Höhe gewachsen, aber gerade dieser Neubau macht Sorgen. Nicht etwa der 50 Millionen Franken wegen, die das technisch perfektionierte neue Theater mit seinen zwei Bühnen kosten wird, schon eher, paradoxerweise, wegen der ausgefeilten Technik, die im neuen Haus zur Verfügung stehen wird. Es ist in Basel ein offenes Gerücht, daß Werner Düggelin sich mit Abschiedsgedanken trägt. Zwar scheint er gegen politische und journalistische Anrempeleien immun zu sein. Aber 1973, wenn im Herbst das neue Haus eröffnet wird, hat er fünf Spielzeiten in Basel dirigiert – eine lange Zeit für einen Theatermann, den das Neue fasziniert und der so wenig seßhaft sein kann wie einst die Neuberin.

Doch der Hauptgrund eskapistischer Gedanken bleibt der Neubau. Technisch bietet er unzählige Möglichkeiten – doch Düggelin fürchtet gerade das Primat dieser Technik. Zwei Bühnen, die eine für 1000, die andere für 250–400 Zuschauer, beide total verwandelbar, im Hauptsaal eine Decke, die sich für Oper und Schauspiel der Akustik wegen verschieden einstellen läßt, zwei Probebühnen so groß wie die Hauptbühne, Werkstätten, Restaurant, Bars, Garderoben, ein riesiges Foyer, das ebenfalls bespielbar ist, alles im selben Haus samt unterirdischer Parkgarage; die Aussicht zudem, den Nebenbetrieb Komödie weiterhin bespielen zu müssen – das mag Werner Düggelin als die betonierte Zukunft erscheinen. Geht man aber zu weit, wenn man nach anderen Gründen für sein Zögern fragt? Ein Abenteuer, wird es erst perfektioniert, ist keines mehr. Aber weiter: Die Grenzen eines Stadttheaters – und gestatte es das "Experiment von Basel" – liegen darin, daß es ein Stadttheater ist. Zwänge – ökonomische, produktionstechnische, die Zufriedenstellung eines Publikums, dessen Skala vom Opernliebhaber bis zum politischen Aktivisten geht – bestimmen die Arbeit. Und das Theater, das man bisher nur in diesen Grenzen zu sehen pflegte, beginnt das Gehäuse zu sprengen. Basel als eines der letzten funktionierenden Stadttheater? Wenn die melancholische Frage Antwort erhält, dann bald. Sicher ist jetzt schon: So wie Theater-Wunder herstellbar sind, sind sie es nur auf Zeit.