Nun hat die Direktion Düggelin nicht nur Qualitäts-, sondern auch Zeitbewußtsein. Für Qualität sorgen eine nach außen zurückhaltende, aber effektiv wirkende Dramaturgie unter Hermann Beil, Regisseure wie Hans Bauer (unlängst verstorben), Hans Hollmann, der Tscheche Jiři Menzel, nicht zuletzt Düggelin selbst. Aber vor allem: ein Ensemble, dessen Mitglieder wie Kletten aneinander hängen. Keine übergroßen Namen, keine Stars, keine reisenden Primadonnen und Hauptrollenpanther, dafür gute Begabungen, die durch die langwährende gegenseitige Erprobung zu überdurchschnittlichen Leistungen kommen. Der Erfolg eines "Godot" – er hängt selbstverständlich auch daran, daß Hubert Kronlachner, Horst Christian Beckmann, Peter Brogle, Paul Gogel allesamt vorzügliche Schauspieler sind. Aber der kürzliche Erfolg von Gombrowicz’ "Operette" (25 Schauspieler plus Chor) ist nur möglich mit einem Ensemble, das in der kontinuierlichen Arbeit dreier Jahre an sich selbst gewachsen ist. Zu einem solchen Ensemble findet die Stadt eine Beziehung, das Ensemble wiederum zu seinem Theater. Diese gegenseitige Identifikation ist die tiefste Wurzel des Basler Erfolgs.

Zeitbewußtsein: Die Mannschaft Düggelins hat das Theater, das sie macht, auch geschichtlich fixiert. Sie zeigt das Theater der Vergangenheit als ein diese Zeit betreffendes, und sie deutet mit dem Theater der Gegenwart auf Standorte dieser Zeit. Aber darüberhinaus verweist sie noch konkreter auf den Zusammenhang von Theater und Stadt, von künstlerischem Metier und Zeitgeschichte. Drei Tage, nachdem Werner Düggelin sein Ensemble zum erstenmal versammelt hatte, fand am 8. September 1968 im Stadtheater eine Matinee statt, aus Anlaß der Okkupation der ČSSR im August. Peter Bichsel, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, ^ünter Grass und Kurt Marti sprachen zu diesem Anlaß. Bezugnahme eines Theaters zu aktueller Wirklichkeit. Das fand in den Basler "Montag-Abenden" eine Tradition. Dort veranstaltet man Themenabende – "Dienstverweigerung", "Was ist Pornografie",

"Die Schweiz im Lesebuch", "Wehrbereitschaft" –, Musikveranstaltungen – von Mauricio Kagels "Musikalischem Theater" über Jazz- und Popkonzerte bis hin zu "Sound + Poetry" mit dem John Tschicai Quartet und Peter Handke. Aktivitäten, die in dieser Saison mit der Aufführung von sechs Schweizer Einaktern unter dem helvetischen Titel "Biertisch-Gespräche" einen Höhepunkt fanden. Praxis in Basel ist aber auch, neben dieser singulären Produktion, daß das Theater, dank eines privaten Stipendiums, Schriftsteller als Hausautoren an sich bindet. Der Grazer Harald Sommer ist Stipendiat – und gab der Komödie seinen Erstling "Ein unheimlich starker Abgang". Dieter Forte ist Stipendiat – und präsentierte "Martin Luther und Thomas Münzer". Im August kommt Jörg Steiner nach Basel. Hermann Beil glaubt, "daß Autoren zum Theater gehören wie Schauspieler, Bühnenbildner und Regisseure". Die Theorie hat Praxis: diese mit monatlich 1500 Franken dotierten Stipendien, aber auch die Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Malergesellen Heinrich Henkel, dessen Basler Erstling "Eisenwichser" inzwischen von zahlreichen Bühnen nachgespielt worden ist.

Was nach dem Frühjahr 1973 sein wird, das wissen nun allerdings die Theaterleute selbst noch nicht. Zwar ist neben dem ehrwürdigen, 1875 erbauten Stadttheater der kolossale Rohbau des neuen Basler Theaters in die Höhe gewachsen, aber gerade dieser Neubau macht Sorgen. Nicht etwa der 50 Millionen Franken wegen, die das technisch perfektionierte neue Theater mit seinen zwei Bühnen kosten wird, schon eher, paradoxerweise, wegen der ausgefeilten Technik, die im neuen Haus zur Verfügung stehen wird. Es ist in Basel ein offenes Gerücht, daß Werner Düggelin sich mit Abschiedsgedanken trägt. Zwar scheint er gegen politische und journalistische Anrempeleien immun zu sein. Aber 1973, wenn im Herbst das neue Haus eröffnet wird, hat er fünf Spielzeiten in Basel dirigiert – eine lange Zeit für einen Theatermann, den das Neue fasziniert und der so wenig seßhaft sein kann wie einst die Neuberin.

Doch der Hauptgrund eskapistischer Gedanken bleibt der Neubau. Technisch bietet er unzählige Möglichkeiten – doch Düggelin fürchtet gerade das Primat dieser Technik. Zwei Bühnen, die eine für 1000, die andere für 250–400 Zuschauer, beide total verwandelbar, im Hauptsaal eine Decke, die sich für Oper und Schauspiel der Akustik wegen verschieden einstellen läßt, zwei Probebühnen so groß wie die Hauptbühne, Werkstätten, Restaurant, Bars, Garderoben, ein riesiges Foyer, das ebenfalls bespielbar ist, alles im selben Haus samt unterirdischer Parkgarage; die Aussicht zudem, den Nebenbetrieb Komödie weiterhin bespielen zu müssen – das mag Werner Düggelin als die betonierte Zukunft erscheinen. Geht man aber zu weit, wenn man nach anderen Gründen für sein Zögern fragt? Ein Abenteuer, wird es erst perfektioniert, ist keines mehr. Aber weiter: Die Grenzen eines Stadttheaters – und gestatte es das "Experiment von Basel" – liegen darin, daß es ein Stadttheater ist. Zwänge – ökonomische, produktionstechnische, die Zufriedenstellung eines Publikums, dessen Skala vom Opernliebhaber bis zum politischen Aktivisten geht – bestimmen die Arbeit. Und das Theater, das man bisher nur in diesen Grenzen zu sehen pflegte, beginnt das Gehäuse zu sprengen. Basel als eines der letzten funktionierenden Stadttheater? Wenn die melancholische Frage Antwort erhält, dann bald. Sicher ist jetzt schon: So wie Theater-Wunder herstellbar sind, sind sie es nur auf Zeit.