Die Yacht, prächtig Wasser verdrängend wie ein mittleres Kriegsschiff, besser: Die Stahl- und Teakholzvilla, die so langsam fuhr, daß sie nicht einmal eine Bugwelle wie gewöhnliche Schiffe aufwarf, näherte sich der italienischen Insel Ponza aus östlicher, römischer Richtung. Mit matter Eleganz schob sie sich auf der Route entlang, die auch die leise klatschenden Galeeren des urlaubsreifen Imperators Augustus genommen hatten.

Silhouette und Farbe (Weiß und Ocker) sowie Namen waren mir, da ich als Vierzehnjähriger „Wilhelmshavener Schiffs-Modellbaubogen“ zu kaufen und verarbeiten pflegte, bekannt: Aus solcher, nach Uhu-Klebstoff riechenden Vergangenheit schob sich die „Christina“ des Reeders Onassis in die Gegenwart meines Urlaubs. Reichtum, goldene Badewanne, Ruhm, Geschäftstüchtigkeit, die Traumwelt der deutschen Illustrierten der frühen fünfziger Jahre – das materialisierte sich hinter dem leichten Hitzeschleier, der zwischen dem kleinen Hafen von Ponza und diesem Schiff lag, das da draußen vor Anker ging, weil sonst kein Platz war.

Die Insel, von der Pilatus den Beinamen Pontius hat, regte sich nicht. (Der Duft der reichen Welt, der Ponza gewöhnlich erreicht, ist der von Petroleum, das teerig am Strand koaguliert: Klebrige Botschaft von Onassis’ und anderer Reeder Öltanker.) In diesem Augenblick machte ein Beiboot von der „Christina“ los, brauste vollbeladen in den halbrunden Hafen der Insel und legte an. JACKIE! STIEG! AUS!

In dunkelblauen Slacks und hellblauem Sweater, andeutungsweise inkognito hinter handtellergroßer Sonnenbrille, war sie da: Die Witwe. Die Mutter. Die Tante. (Neben ihren eigenen Kindern hatte sie auch drei der zahlreichen Bob-Kennedy-Halbwaisen mitgebracht.)

Der Rest ist schnell erzählt: Ponzas Hafen ist umgeben von zahlreichen kleinen Geschäften mit türlosen, dunklen Eingängen. Sie verhalten sich zu den von der Konsumfee Jackie gewöhnlich frequentierten Boutiquen der westlichen Hemisphäre wie der durchschnittliche Wochenlohn eines Italieners zum Besitz ihres Mannes.

Doch von merkwürdigem Drang getrieben, diesen Besitz zu schmälern, eilte Jackie von Geschäft zu Geschäft. Sie verschwand in den dunklen Bögen der Häuser wie eine wetterwendische Wetterfrau in einem Wetterhaus, kam wieder heraus, ging hinein, war wieder da, verschwand wieder: Im Sturmschritt durchmaß sie das schlichte Angebot der kleinen Insel, als sei in irgendeiner der kargen Verkaufsgrotten eine unentdeckte Filiale von Tiffany’s verborgen – und so geriet sie unversehens auch in das Geschäft des lokalen Barbiers. JACKIE! WAR! SCHON! FRISIERT!

Kurzum: Sie fand nichts. Nichts, was den Reichtum der Yacht hätte ergänzen können, nichts, was nicht schon in ihren Kleiderschränken hing, nichts, was die Kinderschar, die der verhinderten Einkäuferin folgte, hätte Glück bereiten können. Und so kehrte sie zurück zum Hafen, bestieg das kleine weiß-braune Beiboot, das zum Mutterschiff auf der Reede brauste. Ein sanftes Tuten ertönte, und „Christina“ verschwand so prächtig, wie sie gekommen war. Verschwunden war auch Jackie, die Frau, die alles schon hat.

Michael Naumann