Ahnungslos und routinemäßig trat der Nachtschichtredakteur des polnischen Monitordienstes von „Radio Freies Europa“ (RFE) in München am Abend des 15. Dezembers 1970 seinen Dienst an. Wegen schlechten Empfangs der normalerweise abgehörten Rundfunkstationen schaltete er kurz vor Mitternacht auf den Danziger Lokalsender um. Auf der neuen Wellenlänge wurde der Redakteur zufälliger Ohrenzeuge jener verzweifelten Aufrufe, mit denen örtliche Partei- und Behördenvertreter die revoltierende Bevölkerung von Danzig zu Ruhe und Ordnung ermahnten.

Für die Außenveit war dies die erste Nachricht über den bereits am Vortag ausgebrochenen polnischen Arbeiteraufstand. Die Nachrichtensperre, mit der die Warschauer Führung versucht hatte, die Aufmerksamkeit der polnischen und der Weltöffentlichkeit von den blutigen Unruhen in den Ostseestädten fernzuhalten, war durchbrochen worden. Die kommunistische Wunschvorstellung von einer hermetisch abgrenzbaren, teilbaren Veit erwies sich wieder einmal als unhaltbare Fiktion.

Die kommunistische „Rache für Danzig“ ließ nicht lange auf sich warten. Wie schon so oft seit seinem Sendebeginn im Juli 1950 geriet der RFE-Sender, der wöchentlich 540 Programmstunden (Nachrichten, Kommentare, Kultur, Musik) nach Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und in die ČSSR ausstrahlt, unter den Beschuß der Ostländer.

Mit besondere: Heftigkeit und mit vielen Ausfällen legte sich die Warschauer Führung ins Zeug. Ihre Bemühungen, die eigene Bevölkerung vom Ausmaß der Dezember-Unruhen möglichst abzuschirmen, wurde von den überall im Lande abgehörten RFE-Sendungen immer wieder überspielt. Schließlich hat sich sogar der polnische Außenminister Anfang Juni an seinen Bonner Amtskollegen Scheel gewandt und gefordert, die Bundesregierung solle kraft ihrer Souveränität der Tätigkeit von RFE ein Ende bereiten.

Bonner Regierungssprecher wiesen jedoch darauf hin, daß kein Anlaß bestehe, gegen den von Amerikanern und osteuropäischen Emigranten betriebenen Sender einzuschreiten, der durch das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Meinungsfreiheit geschützt werde. So wurde die technische Lizenz für RFE auch in diesem Jahr von Bonn automatisch erneuert und könnte erst im April 1972 gekündigt werden.

Als neuestes Druckmittel gegen RFE werden von den Ostblockstaaten seit einiger Zeit die Münchner Olympischen Spiele benutzt: Die Tätigkeit des „amerikanischen Spionage- und Hetzsenders“ sei „unvereinbar“ mit dem olympischen Geist, heißt es. Diese kommunistische Litanei wurde auch dem Vorsitzenden des Olympiakomitees, Willi Daume, bei seinem Moskaubesuch in der vorigen Woche wieder vorgesungen, Es scheint, daß er Verständnis für die sowjetische Forderung nach einem „Wohlverhalten“ des Münchner Senders zeigte. Diese Anmaßung der Sowjets bedarf aber der Entgegnung.

In seinen politischen Nachrichten und Kommentaren unterscheidet sich Radio Freies Europa heute in nichts von anderen westlichen Informationsmedien. Die Nachrichtenbeschaffung entspricht den von allen westlichen Ostspezialisten angewandten Methoden: Abhören von osteuropäischen Radioprogrammen, Lektüre kommunistischer Zeitungen und Fachzeitschriften, Interviews mit Augenzeugen, Ost-West- oder West-Ost-Reisenden und mit östlichen Emigranten. Als oberstes Gebot der Nachrichtenauswertung, die sich auf die hervorragend solide und sorgfältige Arbeit eines 80 Mann starken „Research and Analysis Department“ stützt, gelten heute bei RFE Tatsachentreue und Sachlichkeit. „Bei uns kann niemand mehr seine Gefühle und Ressentiments austoben. Das schlimmste für uns sind Falschmeldungen“, meint Direktor Ralph Walter.