„Der Held und sein Wetter – Ein Kunstmittel und sein ideologischer Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus“, von F. C. Delius. Außer der Deutschen Bundesbahn, die demonstrativ nichts damit zu tun haben will („Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“), reden eben alle vom Wetter, auch die Germanisten. Und in der Literatur ist sogar der ziemlich einmalige Fall gegeben, daß sich nicht nur die Gemüts- nach der Wetterlage, sondern auch die Wetter- nach der Gemütslage richtet, etwa: ist der Held glücklich, läßt der Autor die Sonne scheinen, windet er sich in Konflikten, gewittert es vielsagend, und zu Traurigkeit regnet es passend. Das gute Wetter ist der beste Stimmungsmacher für schlechte Autoren (Eberhard Lämmert). Delius untersucht den Zusammenhang Autor–Held–Wetter im Roman des bürgerlichen Realismus und analysiert literarische Formen und Techniken ideologiekritisch. Daß diese germanistische Dissertation ausnahmsweise sehr gut lesbar und geradezu unterhaltsam ist, hängt möglicherweise damit zusammen, daß „ihr Nutzen für die kritische Literaturwissenschaft nur schwer vorzuweisen ist“. Aber letztere stellt Delius ohnehin in Frage, was einleuchtet, denn bei einer dem Thema adäquaten Problematisierung ergibt sich die Notwendigkeit eines „methodischen Eklektizismus“, der formalistische, materialistische, psychologische und soziologische Gesichtspunkte unterbringen“ muß. Dieser Methodenpluralismus erscheint vom Untersuchungsergebnis her sehr sinnvoll; und der Autor meint, daß es beim derzeitigen Stand der Germanistik wichtiger ist, aufzuzeigen, wo und warum Fragen der Germanistik belanglos werden, anstatt sich „scheinbar undilettantisch mit den überkommenen literaturwissenschaftlichen Fragestellungen zu bescheiden“. Diese Dissertation ist das Produkt eines Übergangs, weder Fisch noch Fleisch, aber sie hat den entscheidenden Vorteil, daß sie die Widersprüche und Probleme einer Germanistik in der Krise reflektiert und so mehr für deren Weiterbestand und Entwicklung tut als Arbeiten, die ihre schwachen Stellen kaschieren oder womöglich gar nicht sehen. (Carl Hanser Verlag, München; 180 S., kart. 24,– DM, geb. 31,– DM)

Christel Buschmann

„Siegerehrung für Verlierer“, Erzählungen von Reynolds Price. In seinen Romanen „Ein langes glückliches Leben“ und „Ein ganzer Mann“ hatte Price die unbedeutenden Sujets (Pubertät, junge Liebe, Episoden aus dem Lebensbereich einer Tabakfarmer-Familie im Süden der USA) mit einer Prise Phantastik, skurriler Ornamentik und einer Sprache von raffinierter Schlichtheit poetisch aufgewertet. Mit diesen Romanen verglichen, wirken die sieben Geschichten des vorliegenden Bandes redselig. Die psychologische Sensibilisierung der meist durchschnittlichen Charaktere erscheint zu gekünstelt. Und so stimmt die Belanglosigkeit der privaten Probleme und Situationen schließlich verdrießlich: die stimmungsvolle Sterbeszene im Spital, der Seelenkummer und die Imaginationswelt kleiner Jungen, die versponnenen Reminiszenzen alter Leute ... Der Klappentext behauptet, das seien „nur scheinbar einfache Geschichten: hinter ihnen lebt die Erfahrung von Generationen, die unaufdringliche Tragik des Alltags“. Wenn man an die soziale Realität der Südstaaten denkt, mutet diese Art gepflegter Allerweltstragik reichlich steril an. (Aus dem Amerikanischen von Christa Monks; Insel Verlag, Frankfurt; 192 S., 20,– DM)

Egbert Hoehl