Von Rolf Düdder

Mülheim/Ruhr Theodor Wüllenkemper, 45 Jahre alt, Chef der Westdeutschen Luftwerbung in Mülheim/Ruhr, hat am Himmel eine Marktlücke entdeckt: Er will wieder Luftschiffe bauen. Zur Zeit sucht er Interessenten für Berufe, die seit dreißig Jahren als überholt gelten: Luftschiffkapitäne, Luftschiffkonstrukteure und Ballonmeister. Einer Illusion hängt er nicht nach. Zur Zeit wird in seiner Werft auf dem Flughafen Mülheim an der Bundesstraße 288 zwischen Essen und Düsseldorf die Haut für das Prall-Luftschiff WDL 1 zugeschnitten. Das 65 Meter lange Gefährt kann zwei Tonnen Nutzlast tragen und soll im Spätsommer zur Jungfernfahrt starten.

Wüllenkemper knüpft an einen deutschen Ikarus-Traum an. Dieser Traum wurde 1871 vor den Toren der von preußischen Truppen belagerten französischen Hauptstadt geboren. Dem Ulanen-Hauptmann Ferdinand Graf von Zeppelin imponierte ein in Paris aufgestiegener Freiballon, der – vom Wind getrieben – hinüber zu den französischen Stellungen flog. „Man müßte“, so überlegte Zeppelin, „einen windunabhängigen, lenkbaren Ballon bauen.“ Am 2. Juli 1900 hob sich bei Manzell sein erstes Starrluftschiff in die Lüfte.

Bis zum Jahre 1939 konstruierte die deutsche Luftschiffwerft in Friedrichshafen am Bodensee insgesamt 130 Luftschiffe. Eines davon, die LZ 129 „Hindenburg“, stürzte im Mai 1937 bei der Landung in Lakehurst/USA brennend ab. Die beiden letzten Zeppeline, LZ 127 und LZ 130, wurden 1940 auf Befehl zerstört. Die Luftschiff-Hallen in Frankfurt/Main sanken in Trümmern zusammen. Nach dem Krieg wurde in der Bundesrepublik nur ein einziger Zeppelin gebaut. 1957 lief in Friedrichshafen die 48 Meter lange „Sixtant“ vom Stapel. Nach ausgedehnten Reklame-Kreuzfahrten über allen Teilen der Bundesrepublik wurde sie 1963 in Essen-Mülheim wieder stillgelegt.

Theodor Wüllenkemper hat die Pläne für eine neue Luftschiff-Flotte auf dem Reißbrett längst fertig. Das Konstruktionsprinzip ist neu. Konstrukteur Richard Gründer hat Prall-Luftschiffe für unbrennbares Helium entworfen. Der Verzicht auf die Starrbauweise soll die neuen Schiffe wirtschaftlicher machen. Sie können durch das eingesparte Gewicht fast das Doppelte an Nutzlast befördern. Wüllenkemper betont: „Wir greifen auf alle technischen Neuerungen der letzten 30 Jahre zurück.“ Vor allem aber hilft ihm die Entwicklung eines geeigneten Materials aus Chemiefasern und synthetischem Kautschuk für die Außenhülle. Sie ist nur 0,7 Millimeter dick, ist mit Aluminium beschichtet und hält einen Druck von sechs Atü aus.

Die Geschichte dieser neuen Luftschiffe begann in den letzten Kriegsmonaten. Jagdflieger Wüllenkemper hing in einer Rotte von drei Me 109 an einem Himmel, der längst nicht mehr der Luftwaffe gehörte. Gemeinsam nahm das Trio einen einsamen englischen Jäger ins Visier. Der Pilot rettete sich mit dem Fallschirm. Wing-Commander D. B. Bennett suchte nach dem Krieg seinen ehemaligen Bezwinger auf. Wüllenkemper: „Er lud mich nach England ein und bezahlte mir den Zivilflugschein. Später schenkte er mir noch einen alten Doppeldecker.“ Als die Bundesrepublik wieder die Lufthoheit erhielt, saß Wüllenkemper als erster Deutscher hinter dem Steuerknüppel. 1954 gründete er die Westdeutsche Luftwerbung.

Das 160-Mann-Unternehmen unterhält heute eine eigene Werft mit Wartungsanlagen und verfügt über fünfzig ein- und zweimotorige Flugzeuge. Wüllenkemper läßt sie nicht nur Reklamebänder über das Ruhrrevier schleppen, er transportiert mit ihnen auch Menschen, Proviant und Material zu Großbaustellen in Saudi-Arabien und Ägypten.