Der geplante Besuch Präsident Nixons in Peking ist das bedeutsamste Ereignis der amerikanischen Asienpolitik seit dem Krieg in Korea. Jener Krieg leitete das militärische Engagement der USA auf dem asiatischen Festland ein, vor dem alle namhaften Strategen und Geopolitiker Amerikas stets gewarnt hatten. Bedingt wurde diese Entwicklung durch eine dämonisierte Furcht vor der Expansion des chinesischen Kommunismus. Nach und nach wich diese Furcht freilich der Erkenntnis, daß der Krieg in Vietnam nur beendet werden könnte, wenn Amerika und die chinesische Volksrepublik dazu bereit sind.

Für Richard Nixon war diese Erkenntnis wahrscheinlich der entscheidende Anstoß, die Isolierung Chinas durch die USA erst mit vorsichtigen und dann mit dem kühneren Schritt der Aufhebung des seit 1949 gültigen Handelsembargos zu durchbrechen.

Auch Peking machte Gestein und Andeutungen. Die wichtigste war nicht die Einladung an die amerikanischen Pingpongspieler, sondern die Befürwortung des neuen Sieben-Punkte-Friedensplanes des Vietcong, der jetzt in Paris vorgelegt wurde. Damit hat Mao Tse-tung zum erstenmal einen Friedensplan der kommunistischen Seite in Paris offiziell eingesegnet; zuvor war von Peking stets nur die Ermunterung gekommen, den Kleinkrieg bis zur Niederlage der Imperialisten fortzusetzen.

Die Beendigung des Krieges in Vietnam ist einer der Punkte des generellen Einvernehmens zwischen Washington und Peking; in welchem Zeitraum und unter welchen Bedingungen sie erreicht werden soll, bleibt aber noch zu klären. Eines kann freilich als ganz sicher vorausgesetzt werden: Der Abzug der amerikanischen Truppen wird beschleunigt, und die USA werden sich zu einer politischen Regelung bereit finden, in der sie maximal die „Neutralität“ Südvietnams für einige Zeit zugestanden erhalten.

Die von Nixon überall eingeleitete schrittweise Verminderung der amerikanischen Präsenz in Asien – von Südkorea über Okinawa bis nach Thailand – kann ohne eine folgenschwere Entstabilisierung nur fortgesetzt werden, wenn sich die USA und die chinesische Volksrepublik auf eine Abgrenzung ihrer Interessen verständigen. Das ist in den Zusammenkünften Henry Kissingers mit Tschu En-lai in Grundzügen geschehen. Amerika wird daher in Zukunft niemanden ermuntern, Festland-China zu bedrohen, und es wird Japan von einer eigenen nuklearen Rüstung abraten. Peking wiederum wendet nichts gegen einen Verbleib der Amerikaner am Rande des Westpazifiks ein, erwartet aber in absehbarer Zeit ihren völligen Abzug vom Festland.

Neben der Bereinigung des Vietnamkonfliktes ist für die angestrebte „Normalisierung der Beziehungen“ die Existenz Nationalchinas auf Formosa der schwerste Brocken auf Nixons Weg durch das „Tor des himmlischen Friedens“. Noch ist unklar, wie er weggeräumt werden kann. Nur eines ist sicher: Die USA-Regierung wird ihren üblichen Antrag in der UN, der die Frage des chinesischen Sitzes zu einer wichtigen, eine Zweidrittelmehrheit in der Vollversammlung erfordernden Angelegenheit erklärt, in diesem Jahr nicht mehr stellen. Die übliche Frist für das Einbringen dieses Antrages für die nächste Sitzung der Vollversammlung läuft am 24. Juli ab. Bis dahin wird das State Department die neue Chinapolitik der USA in den Vereinten Nationen klargestellt haben. Es wird keine „Zwei-China-Politik“ sein, auch wenn die USA Formosa nicht einfach fallenlassen. Sehr aufschlußreich ist dazu der eindeutige Schlußsatz in der vereinbarten, Wort für Wort abgewogenen Bekanntmachung über die Reise Nixons: „Das Treffen zwischen den Führern Chinas und der Vereinigten Staaten dient dem Zweck, die Normalisierung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern anzustreben und auch Ansichten über die Fragen auszutauschen, die beide Seiten berühren.“ Da wird also gar nicht mehr von den Führern der chinesischen Volksrepublik, sondern nur noch von denen „Chinas“ gesprochen. Das ist eine vorweggenommene Anerkennung des Alleinvertretungsanspruches Pekings, dem sich Taipeh trotz seiner scharfen Proteste schließlich wird beugen müssen.

Wenn die Reise für ihn erfolgreich verläuft, kann Nixon damit rechnen, den Krieg in Vietnam bis zur nächsten Präsidentenwahl entweder beendet oder wenigstens zu einem sekundären Problem reduziert zu haben, dessen Lösung sich dann aus einer fortschreitenden Verbesserung des Verhältnisses Washington–Peking ergeben würde. Dann – und nur dann – mag er mit einiger Gewißheit auf seine Wiederwahl in den Wahlkampf ziehen. Richard Nixon konnte nicht in Vietnam siegen, vielleicht kann er, der einst der erbittertste Gegner der chinesischen Kommunisten war, in Peking siegen.

Die enttäuschte ultrakonservative amerikanische Rechte hat bereits ihre Opposition gegen Nixons Chinapolitik angemeldet. Der Präsident muß 1972 mit dem Verlust vieler Stimmen von rechts rechnen, ohne sich eines ausgleichenden Zugewinnes aus dem Lager der liberalen Wählerschaft sicher zu sein. Auch bei den Verfechtern einer Verständigung mit den kommunistischen Mächten werden – wie durch Averell Harriman – Bedenken angemeldet, daß durch den großen Wurf des Präsidenten der Ausgleich mit der Sowjetunion gefährdet werden könnte. Darum werden in Amerika Auseinandersetzungen über eine Politik des „Moskau first“ oder des „Peking first“ eintreten. Doch wie immer sie ausgehen – seit dem 15. Juli gibt es keine amerikanische Weltpolitik mehr ohne China. Und das ist Nixon gutzuschreiben. Joachim Schwelien