Eher mit süßsaurer Miene als mit eitler Freude haben drei Regierungen in Vietnam – Hanoi, Saigon, NLF – die Ankündigung der Chinareise Nixons aufgenommen. Alle sahen sich genötigt, ihre unverkennbare Nervosität durch beruhigende Erklärungen zu überspielen. Der Tenor war überall derselbe: „Südvietnam hat nichts zu befürchten“, so Präsident Thieu. „Es ist unmöglich, daß man sich über unsere Köpfe hinweg einigt“, so Madame Binh, die Außenministerin der NLF.

Der jahrhundertealte Argwohn der Vietnamesen gegen den Erbfeind im Norden und das latente Mißtrauen gegen die amerikanische Weltmacht sind so lebendig wie eh und je, sind stärker als ideologische Bande oder militärische Bündnisverpflichtungen. Weder die nord- noch die südvietnamesischen Politiker möchten, daß ihre Interessen auf dem Altar der amerikanisch-chinesischen Normalisierung geopfert werden.

Derartige Ängste sind wohlbegründet. Die Militärs in Saigon wurden nur zu oft von den Amerikanern als bloße Befehlsempfänger behandelt. Und die Männer in Hanoi haben nicht vergessen, daß ihnen 1954 der greifbar nahe Sieg von ihren Verbündeten, China und Rußland, verdorben wurde, weil diese aus weltpolitischen Interessen einen Kompromiß mit Frankreich bevorzugten und darum nach Genf gingen. Damals hatte Ho Tschi Minh sein ganzes Prestige aufbieten müssen, um seine Genossen im Politbüro auf Vordermann zu bringen, die nicht einsehen wollten, warum sie einer Teilung des Landes zustimmen und – wie sie meinten – bis 1956 auf die Wiedervereinigung warten sollten. Eine zweite Enttäuschung à la Genf können die Männer in Hanoi ihrem Volk kaum zumuten, zumal niemand unter ihnen auch nur annähernd soviel Respekt genießt wie Ho Tschi Minh.

Geradezu beschwörend hat das nordvietnamesische Parteiorgan Nham Dan die chinesischen Alliierten vor dem trickreichen Nixon gewarnt: „Die Nixon-Doktrin hat den Zweck, die sozialistischen Länder zu spalten und eine Gruppe gegen die andere auszuspielen, um die nationalen Befreiungsbewegungen niederhalten zu können. Es gehört zum Kern der Politik Nixons, einen Kompromiß zwischen den Großmächten zu erreichen und die kleineren Länder anzuhalten, sich deren Abmachungen zu unterwerfen.“

Da die Nordvietnamesen sicherlich Mao und Tschu für intelligent genug halten, die Risiken eines Arrangements mit Amerika einzuschätzen, kann der Leitartikler von Nhan Dan nur im Sinn gehabt haben, Peking an seine Bundespflichten zu gemahnen, dies um so mehr, als ein australischer Journalist aus China die Kunde mitbrachte, Peking erstrebe eine neue Indochina-Konferenz nach Genfer Muster.

Die gelungene Anknüpfung mit China enthebt Präsident Nixon einer Verlegenheit, in die ihn der Sieben-Punkte-Plan der Madame Binh gebracht hatte. Dieser Plan verspricht, den terminierten Abzug der US-Truppen mit der Freilassung amerikanischer Gefangener zu kompensieren. Ein solches Angebot konnte Nixon schlechterdings nicht ablehnen, da er selbst beide Fragen miteinander verknüpft hatte. Anderseits hat er noch nicht die Gewähr, daß das Regime in Südvietnam nach dem Rückzug der Amerikaner standhalten kann. Seinen Unterhändlern in Paris blieb also nur die Möglichkeit, Gespräche über das Angebot hinauszuzögern. Es kann Nixon nur recht sein, wenn die amerikanische Öffentlichkeit nunmehr den Frieden in Vietnam mehr von dem Gipfeltreffen in Peking als von den Pariser Gesprächen erhofft.

Dem Regime in Saigon kommt Nixons Verzögerungstaktik recht gelegen. Thieus Interesse muß darauf gerichtet sein, mindestens bis zu dem Pekinger Treffen über die Runden zu kommen. Sein neuestes Angebot – freie gesamtvietnamesische Wahlen zum Zwecke der Wiedervereinigung – mutet zwar wie ein Hohn an, weiß doch mittlerweile alle Welt, daß diese Wahlen, die schon für 1956 angesetzt waren, auf Betreiben Saigons vereitelt worden sind. Aber jetzt kommt es für Saigon darauf an, im Spiel zu bleiben. Wollen sich Amerika und China über Vietnam einigen, dann bieten sich den USA zwei Handelsobjekte an: einmal die Neutralisierung Südvietnams, zum andern die Koalition zwischen der NLF und den Saigoner Gruppen. Beidem hat Thieu noch einmal mit äußerster Härte widersprochen. Da kann es nicht schaden, sich auf einem Felde, wo zunächst der Preis nicht eingefordert wird, versöhnlich zu zeigen.

Bis zum Tête-à-Tête Mao-Nixon wird noch viel trübes und träges Wasser den Mekong hinunterfließen. Eine einzige Großoffensive der NLF und der Nordvietnamesen könnte die Reisepläne über den Haufen werfen. Daß Hanoi nicht an Pekings Leine liegt und daß auch die Sowjetunion – immerhin noch der größte Waffenlieferant für Nordvietnam und die NLF – in Südostasien ein Wörtchen mitzureden hat, daran läßt der Leitartikel der Parteizeitung Nhan Dan keinen Zweifel: Notfalls würden die Vietnamesen allein weiterkämpfen, heißt es dort. Im Klartext bedeutet das: notfalls auch gegen die Interessen Pekings. Karl-Heinz Janßen