Gelsenkirchen

Bundesweit hat sein Fall Aufsehen erregt. Solidaritätsbekundungen helfen dem 31jährigen Ex-Kaplan Heinrich Philippek, das fortzusetzen, womit er vor Jahren begonnen hatte: ein Christentum der Tat zu leben, Mißstände in Gesellschaft und Kirche anzuprangern. Wenn er heute nicht mehr von der Kanzel aus gegen Lehrlingsausbeutung und Mietwucher wettern kann (im Frühjahr wurde er von Ruhrbischof Dr. Franz Hengsbach von allen Amtspflichten in der Gemeinde entbunden), so ist er doch nicht arbeitslos: Zur Zeit hilft er mit, ein ehemaliges Gefängnis in eine Heimstätte für straffällig gewordene Jugendliche umzugestalten. Sechzig Priester aus dem Bistum haben sich zu dieser Aktion entschlossen. Sie greifen Philippek, der auf Grund seiner konsequent sozialen Haltung bei seinen kirchlichen Vorgesetzten in Ungnade gefallen war und eine „Strafversetzung“ ablehnte, auch finanziell unter die Arme: Die Bistumsbeihilre reicht nach der Suspendierung wegen „Gehorsamsverweigerung“ – so Philippek – nur zur Deckung des Existenzminimums.

Die Solidarität ist erklärlich. Religionslehrer aus dem Ruhrgebiet finden: „Das kann morgen auch uns passieren.“ Schon Anfang vergangenen Jahres schrieb ein Mitbruder dem in Gelsenkirchen-Horst tätigen Geistlichen: „Mich wundert es gar nicht, daß sie nun in die Inquisitionsmaschinerie geraten sind.“ Und das Lehrerkollegium der Horster Haupt- und Grundschule hegte schon zum gleichen Zeitpunkt den Verdacht, Kaplan Philippek sei „nicht so sehr wegen der von ihm geäußerten Thesen, sondern wegen seiner progressiven Grundhaltung beurlaubt worden“. Eine vom Essener Priesterrat eingesetzte Fachkommission für doktrinäre Fragen wusch zwar den Kaplan rein von der Anschuldigung, „nicht mehr auf dem Boden der katholischen Glaubenslehre zu stehen“. Inzwischen aber hält der Bischof eine fruchtbare Arbeit Philippeks in der Gemeinde nicht mehr für möglich.

Der Ex-Kaplan erinnert sich: Seine „glücklichen Jahre“ in der Pfarrgemeinde St. Hippolyte endeten, als im Sommer 1969 Pfarrer Happe sein Vorgesetzter geworden war. Zum offenen Bruch zwischen beiden kam es während eines Kindergottesdienstes, den der Kaplan kindgemäß mit Spielzeug und Gesprächen gestaltet hatte. Mit dem Meßkelch in der Hand verbat sich damals der Pfarrer jegliche Unruhe: „Auch wenn der Kaplan das erlaubt hat, ich erlaube es nicht.“

Vierhundert Kinder waren betroffen, Lehrer und Eltern schockiert. Das Kesseltreiben gegen Philippek ging los. Drei Tage später wurde er ins Bischöfliche Generalvikariat zitiert und auf Grund seiner fünf aufgestellten „Thesen“ beurlaubt: 1.

„Gott ist für uns kein Du, dem wir gegenüberstehen.“ 2. „Die erste Hälfte des Doppelgebotes, Du sollst Gott lieben, ist ein Zugeständnis an die Ausdrucksweise der damaligen Zeit.“ 3. „Gebet ist nicht private Sprache mit Gott, sondern bedeutet gleichzeitig ein Gespräch mit dem Nächsten.“ 4. „Christus ist nur Mensch, der eine einzigartige Ausstrahlungskraft bis in die heutige Zeit besitzt.“ 5. „Ewiges Leben bedeutet weiterwirkende Ausstrahlungskraft durch das, was ich gut gelebt habe.“ Philippek: „Es handelt sich hier nicht um Thesen, sondern um diskutable Sätze, die ich bei einem Gespräch mit einigen anderen Priestern formulierte.“

Nachdem er sich später mit der genannten Fachkommission geeinigt hatte und sein Amt wieder ausüben durfte, wurden ihm von seinem Pfarrer alle Arbeitsgebiete bis auf zwei entzogen. Politische Gottesdienste entfielen nun, das von ihm gegründete Jugendhaus Horst wurde geschlossen. Die Jugendlichen protestierten; Mitglieder der Katholischen Arbeiterbewegung (KAB) drohten dem Bischof, ihm „die Fensterscheiben einzuwerfen“.