Reise in das Rote Reich

Nixons spektakulärer Schritt leitet eine neue Phase der Weltpolitik ein

Von Marion Gräfin Dönhoff

Dies ist die Zeit, da Fiktionen demontiert und "Gänsefüßchen" gestrichen werden: Präsident Nixon hat Henry Kissinger, seinen engsten Vertrauten, nach Peking gesandt – in die Hauptstadt eines Landes also, das nach Meinung Washingtons gar nicht existiert. Vielleicht wird Politik nun endlich wieder von Realitäten bestimmt werden und nicht länger von Illusionen ausgehen; von der Illusion, alle diese Pakte – SEATO, ANZUS ... –, von denen immer wieder die Rede ist, stellten irgendeine Macht dar; von der Fiktion, die Exilregierung auf der Insel Formosa (Taiwan) repräsentiere die 750 Millionen Chinesen des Festlandes, denn deren seit über 20 Jahren amtierende Regierung gebe es ja in Wirklichkeit gar nicht.

Jetzt ist Nixon dabei, die Amerikaner wieder aus der Sackgasse zu führen, in die sie hineingeraten waren. Jetzt endlich werden sie das Volk, das in Korea und Vietnam ihr eigentlicher Gegner war, zur Kenntnis nehmen können.

Nur am Rande sei hier die Frage erlaubt: Was eigentlich würde jetzt wohl aus uns werden, wenn die Regierung Brandt versucht hätte, unsere Fiktionen weiter zu konservieren, wenn Bonn also nicht die Verträge mit Moskau und Warschau unterschrieben hätte, die nun ihrerseits zu den Viermächteverhandlungen in Berlin und damit in den Strom der Geschichte geführt haben? Übrigens werden diese Verhandlungen vielleicht abgeschlossen sein, ehe noch der Präsident seine Reise nach China antritt. Noch einmal: Wie würden wir wohl in der jetzt beginnenden Phase bestehen können, wenn wir unsere "Gänsefüßchen" nicht in letzter Minute gestrichen hätten?

Manche Leute meinen, Nixon habe sich den sensationellen Schritt der Pekingreise als Wahlschlager für das Jahr 1972 erdacht – aber, wenn er bei dieser Gelegenheit vielleicht auch von ihr profitieren mag, so liegt die Motivation doch viel tiefer. Der amerikanische Präsident ist seit langem der Meinung, ein System, das den Frieden wirklich sichert, könne nur zustande kommen, wenn China aus seiner Isolierung herausfinde und auf der weltpolitischen Bühne mitagiere.

Richard Nixon ist vor zweieinhalb Jahren unter der Devise "Verhandlungen statt Konfrontation" angetreten, und neben seinen Beschwörungen, er werde Taiwan nie fallenlassen – zuletzt am 4. März 1971 –, hat er stets Sorge getragen, Peking durch Signale wissen zu lassen, daß es ihm mit Kontakten ernst sei. Im Sommer 1969 wurde zum erstenmal seit dem Koreakrieg, also seit fast zwanzig Jahren, das Embargo gegen China revidiert, das dann in diesem Frühjahr nach dem Tischtennis-Intermezzo entscheidend abgebaut worden ist.

Reise in das Rote Reich

Auch Peking hat Schritte in dieser Richtung unternommen. Gleich nach der Wahl Nixons im November 1968 schlugen die Chinesen von sich aus vor, die Gespräche in Warschau wiederaufzunehmen. Auch sie haben ihre Einstellung in den letzten Jahren grundsätzlich revidiert. Noch im Sommer 1968, als die Gespräche in Paris begannen, waren die Chinesen strikt dagegen, daß-die Vietnamesen sich mit den Amerikanern an einen Tisch setzten. Im April 1971 aber kam auf ihren Wunsch das weltberühmte Pingpongspiel zustande, und jetzt haben sie sogar den von Hanoi vorgelegten Siebenpunkteplan unterstützt: Das ist das erstemal, daß die Chinesen vom Frieden sprechen und an das Modell der Genfer Friedensverhandlungen von 1954 erinnern.

Das Problem Taiwan

Daß Kissinger in Peking 20 Stunden lang mit Tschou En-lai verhandelte und nicht irgendein Botschafter an einem dritten Ort Nixons Reise vorbesprochen hat, beweist, daß offenbar beiden Seiten daran lag, vor der Verkündung dieser Sensation einmal über die wichtigsten Grundfragen – Vietnam und Taiwan – zu sprechen. Und daß dieses spektakuläre Zusammentreffen von der ganzen Welt unbemerkt bleiben konnte, zeigt, wie perfekt und minuziös abgesichert die Partner den ersten Schritt ihres gemeinsamen Unternehmens vorbereitet haben.

Der Kontakt zwischen Washington und Peking wird vieles verändern, aber man sollte sich hüten zu meinen, daß nun alles leichter werde oder gar "eine Lösung" bevorstehe. Das Bewußtsein vom verlorenen Paradies und der Traum, es sei möglich, zu ihm zurückzukehren, scheint den Menschen so tief eingeprägt zu sein, daß jede positive Nachricht sofort die Reaktion hervorruft, jetzt wird alles besser: "Noch ein bißchen mehr Entspannung, noch ein bißchen mehr Fortschritt, und die Lösung, der Frieden, ist da..." Aber es gibt keine "Lösung". Es gibt nur wechselnde Probleme und Schwierigkeiten, weil die Interessen der Mächte dem Wandel unterliegen. Die Politik ist nie ohne Konflikte. Sie sind permanent – nur ihre Größenordnung und der Grad ihrer Gefährlichkeit sind variabel.

Daß die Interessen schwanken, liegt daran, daß mit neuen Gelegenheiten, die sich bieten, die Führungen der Staaten neue Ziele anvisieren oder auch daran, daß sie die Gefahren, die ihrem Lande drohen, zu verschiedenen Zeiten verschieden bewerten.

Heute haben die Gefahren, die Amerika innen- und außenpolitisch von Vietnam drohen, so überhandgenommen, daß Washingtons Hauptsorge sein muß, unter allen Umständen ein Arrangement in Asien zu finden (auch wenn das die Chancen für Absprachen mit Moskau erschweren sollte). Und für die Chinesen ist offenbar das Gefühl, eingeklemmt zu sein zwischen einer feindlichen und militärisch mächtigen Sowjetunion und einem feindlichen und ökonomisch expansiven Japan – das nun auch noch aufzurüsten beginnt –, so beklemmend, daß ihre Priorität lautet: "Unter allen Umständen Feinde abbauen", also Normalisierung der Beziehungen zu Washington, Rückzug der amerikanischen Truppen (und nicht mehr allein die bedingungslose Unterwerfung Taiwans).

Unter diesen Umständen kann man sich vorstellen, daß für das Problem Taiwan ein Kompromiß gefunden werden könnte, der es beiden Seiten erlaubt, ihr Gesicht zu wahren, und der es den 20 Millionen, die auf der Insel leben, nicht unmöglich macht, ihr Schicksal selbst zu bestimmen – sofern das nationalchinesische Regime seinen Ehrgeiz, China zurückzuerobern, aufgibt.

Reise in das Rote Reich

Washington wird gewiß nicht gegen die Aufnahme Pekings in die UN stimmen, die für diesen Herbst gesichert erscheint, aber Nixon kann nicht zulassen, daß Taiwans Sicherheit gefährdet wird; schließlich besagt der Verteidigungspakt, der 1954 zwischen Washington und Taipeh geschlossen wurde, daß Washington verpflichtet ist, die nationalchinesische Regierung vor "bewaffnetem Angriff" zu schützen.

Weltpolitik im Dreieck

Wer Anfang dieses Jahres in Südostasien war, der spürte sehr deutlich, was sich dort anbahnte. Beeindruckt von den "umwälzenden Veränderungen in Asien", schrieben wir im Februar an dieser Stelle: "Amerika und China sind offenbar beide dabei, ihre Positionen entscheidend zu verändern", und gaben zu bedenken, daß vielleicht in zehn Jahren nicht mehr der Atlantische Ozean mit Amerika und Europa das Zentrum der Welt darstellen werde, "sondern sich alles Gewicht zum Pazifischen Ozean verlagert, wo die Großmächte unserer Zeit, Amerika und Japan, Rußland und China, die bestimmenden Faktoren sind".

Nur zwei von ihnen, die sich als Supermächte manifestiert haben, sind bisher in das allgemeine Bewußtsein eingegangen. In Zukunft wird dies anders sein. Die oft beschworene Bipolarität der Welt wird nun modifiziert werden, denn es werden nicht mehr zwei Giganten – allein auf weiter Flur – miteinander rivalisieren, sondern drei Mächte werden das Kräftespiel, den Kampf um die Macht gegeneinander führen. Sie alle sind miteinander durch Konflikte verbunden:

  • Zwischen Moskau und Washington geht es um globale Probleme, um die Vormacht in der Welt, in Europa, Nahost, Vietnam.
  • Zwischen Washington und Peking geht es um Eindämmung (Containment) oder Expansion Chinas, um die Frage, wer China in der UN vertritt, um den Rückzug Amerikas aus Asien, um den Einfluß in Asien und darum, daß die aufsteigende Atommacht China das atomare Patt der Supermächte nicht durchbricht.
  • Zwischen Moskau und Peking geht es um die Vormachtstellung im Kommunismus, um den Einfluß in Asien, um den Verlauf der Grenze zwischen der Sowjetunion und China.

Also Weltpolitik im Dreieck und nicht mehr als Duell? Rückkehr zur Balance of Power? Das Metternichsche System als Modell? Wohl kaum, denn darüber muß man sich klar sein: Für lange Zeit werden jene drei Mächte vorwiegend gegeneinander verzahnt sein: Jeder der drei wird von dem Konflikt der beiden anderen profitieren, aber für keine zwei wird es so viel Gemeinsamkeit geben, daß sich daraus eine Allianz in Permanenz konstruieren ließe.