Auch Peking hat Schritte in dieser Richtung unternommen. Gleich nach der Wahl Nixons im November 1968 schlugen die Chinesen von sich aus vor, die Gespräche in Warschau wiederaufzunehmen. Auch sie haben ihre Einstellung in den letzten Jahren grundsätzlich revidiert. Noch im Sommer 1968, als die Gespräche in Paris begannen, waren die Chinesen strikt dagegen, daß-die Vietnamesen sich mit den Amerikanern an einen Tisch setzten. Im April 1971 aber kam auf ihren Wunsch das weltberühmte Pingpongspiel zustande, und jetzt haben sie sogar den von Hanoi vorgelegten Siebenpunkteplan unterstützt: Das ist das erstemal, daß die Chinesen vom Frieden sprechen und an das Modell der Genfer Friedensverhandlungen von 1954 erinnern.

Das Problem Taiwan

Daß Kissinger in Peking 20 Stunden lang mit Tschou En-lai verhandelte und nicht irgendein Botschafter an einem dritten Ort Nixons Reise vorbesprochen hat, beweist, daß offenbar beiden Seiten daran lag, vor der Verkündung dieser Sensation einmal über die wichtigsten Grundfragen – Vietnam und Taiwan – zu sprechen. Und daß dieses spektakuläre Zusammentreffen von der ganzen Welt unbemerkt bleiben konnte, zeigt, wie perfekt und minuziös abgesichert die Partner den ersten Schritt ihres gemeinsamen Unternehmens vorbereitet haben.

Der Kontakt zwischen Washington und Peking wird vieles verändern, aber man sollte sich hüten zu meinen, daß nun alles leichter werde oder gar "eine Lösung" bevorstehe. Das Bewußtsein vom verlorenen Paradies und der Traum, es sei möglich, zu ihm zurückzukehren, scheint den Menschen so tief eingeprägt zu sein, daß jede positive Nachricht sofort die Reaktion hervorruft, jetzt wird alles besser: "Noch ein bißchen mehr Entspannung, noch ein bißchen mehr Fortschritt, und die Lösung, der Frieden, ist da..." Aber es gibt keine "Lösung". Es gibt nur wechselnde Probleme und Schwierigkeiten, weil die Interessen der Mächte dem Wandel unterliegen. Die Politik ist nie ohne Konflikte. Sie sind permanent – nur ihre Größenordnung und der Grad ihrer Gefährlichkeit sind variabel.

Daß die Interessen schwanken, liegt daran, daß mit neuen Gelegenheiten, die sich bieten, die Führungen der Staaten neue Ziele anvisieren oder auch daran, daß sie die Gefahren, die ihrem Lande drohen, zu verschiedenen Zeiten verschieden bewerten.

Heute haben die Gefahren, die Amerika innen- und außenpolitisch von Vietnam drohen, so überhandgenommen, daß Washingtons Hauptsorge sein muß, unter allen Umständen ein Arrangement in Asien zu finden (auch wenn das die Chancen für Absprachen mit Moskau erschweren sollte). Und für die Chinesen ist offenbar das Gefühl, eingeklemmt zu sein zwischen einer feindlichen und militärisch mächtigen Sowjetunion und einem feindlichen und ökonomisch expansiven Japan – das nun auch noch aufzurüsten beginnt –, so beklemmend, daß ihre Priorität lautet: "Unter allen Umständen Feinde abbauen", also Normalisierung der Beziehungen zu Washington, Rückzug der amerikanischen Truppen (und nicht mehr allein die bedingungslose Unterwerfung Taiwans).

Unter diesen Umständen kann man sich vorstellen, daß für das Problem Taiwan ein Kompromiß gefunden werden könnte, der es beiden Seiten erlaubt, ihr Gesicht zu wahren, und der es den 20 Millionen, die auf der Insel leben, nicht unmöglich macht, ihr Schicksal selbst zu bestimmen – sofern das nationalchinesische Regime seinen Ehrgeiz, China zurückzuerobern, aufgibt.