/ Von Sepp Binder

Hamburg – Universität, Audimax II – Juli 1971 – 10.15 Uhr.

Über hundert Studenten versuchen, den Professor für Politische Wissenschaften und außenpolitischen Berater der CDU, Hans-Peter Schwarz, zur „Diskussion“ zu zwingen. Rhythmisches Klatschen der ungebetenen Gäste übertönt die dünne Stimme des Professors. Die Vorlesung über die „Außenpolitik Adenauers und ihre Kritiker“ scheint bereits gesprengt. Uni-Präsident Fischer-Appelt drängt die Rebellen der vorderen Reihen vom Mikrophon: „Es bleibt Herrn Schwarz überlassen, um Ihre Vorwürfe zu antworten. Haben Sie doch soviel Liberalität!“ Der Appell geht in Hohngelächter unter. „Formalist“, schreit jemand zurück, „ist es Ihnen egal, was an Ihrer Universität gelehrt wird?“

Vizepräsident Sinn fuchtelt erregt mit einer Papierrolle durch die Luft: „Solange ich im Amt bin, übe ich mein Amt aus: Hinsetzen!“ Handgemenge, Gebrüll. Udo Bermbach, ein junger Dozent, kommt zu Wort: „Dieser Schwachsinn ist keine linke Politik. Sie haben eine Stunde lang die Chance der Diskussion durch Monologe verhindert.“ Die Einheitsfront bröckelt ab. Fischer-Appelt droht mit Anzeige wegen Hausfriedensbruchs. Das Audimax leert sich, die Vorlesung beginnt. Die Hamburger Uni entgeht nur knapp einem spektakulären Abschluß des Sommersemesters 1971.

Wie eine rote Rakete

Der „Kampf gegen Schwarz“ ist vorerst gescheitert. Was mit Flugblättern und AStA-Infos, bei Diskussionen im Studentenparlament und in der Polit-Gazette Roter Pferdestall mühsam vorbereitet worden war, endete ernüchternd und deprimierend: Der Vorwurf, der Politikwissenschaftler betreibe „Kriegsforschung im Dienste, der aggressiven Nato-Strategie“, nur weil er einige skeptische Anmerkungen über die Europäische Sicherheitskonferenz in einem Aufsatz zur Diskussion gestellt hatte, zerplatzte wie eine Seifenblase. Bei dem Versuch, den Ordinarius als reaktionären Popanz aufzubauen und gleichzeitig die studentische Basis auf der linken Seite auszubauen, erlitten die Initiatoren eine schwere Schlappe.

Es war die erste Niederlage eines neuen Studentenverbandes, der nach dem Niedergang des SDS innerhalb eines Jahres wie eine rote Rakete am Hochschulhimmel emporgeschossen war: Der Marxistische Studentenbund Spartakus hat fürs erste bei vielen Hamburger Kommilitonen seinen Kredit als biederer, aber fleißiger Vertreter linker Studentenpolitik verspielt.