Wiesbaden

Wiesbadens Vorort Dotzheim beherbergt eine moderne Jugendstrafanstalt. Ende Juni übergoß sich dort ein 19jähriger technischer Zeichner mit einer Nitro-Mischung und zündete sich an. Vierzehn Tage später, am 5. Juli, starb der Häftling. Seine Strafe hätte bis November gedauert. Die Behörden hielten bislang den Fall geheim.

Die Darstellungen widersprechen sich. Die Inhaftierten wollen drei Tage lang „Bambule“ gemacht haben. Die Anstaltsleitung dementiert dies. Anstaltsleiter Busch erklärt: „Es hat keine Erregung gegeben. Das Neue ist ja nur: Es hat noch keine Verbrennungen gegeben.“ Wenn ein Anstaltsleiter einen Selbstmord derart gelassen hinnimmt und ihn in den Bereich des nahezu Alltäglichen rückt, stellen sich einige Fragen: Geschah die Selbstrichtung des Karl-Heinz G. vorbereitet und konnte sie dennoch nicht verhindert werden? Der 19jährige G., der wegen Diebstahls eine Strafe verbüßte, hatte bereits früher an seiner Pulsader „herumgeschnippelt“ (Anstaltsleiter Busch) und ein Feuerzeug verschluckt. Nach dem zweiten Suizidversuch wurde der Selbstmordkandidat in eine psychiatrische Abteilung gebracht, wo der Arzt mit dem Patienten jedoch nichts anzufangen wußte. Als „völlig normal“ bezeichnet kehrte der Jugendliche in den Dotzheimer Knast zurück.

Ada Sahl, reformfreudige Pressesprecherin des hessischen Justizministers Hemfler, weiß von alarmierenden Zahlen zu berichten. Ein bis zwei Selbstmordversuche pro Woche in Frankfurter Gefängnissen seien ihr bereits als Staatsanwältin zur Kenntnis gelangt. Versuche, sich selbst zu richten oder sich durch einen demonstrativen Akt in die Pflegeatmosphäre der Krankenstation zu bringen, kommen nach Ada Sahl „häufig“ vor. Anstaltsleiter Busch muß, ebenso wie Justizminister Hemfler, gestehen, daß sich der Vorfall von Dotzheim jeden Tag wiederholen kann. Busch: „Solche Tragödien spielen sich jeden Tag ab.“ Wie recht er hat: fünf Tage später nahm sich ein Untersuchungshäftling in der Anstalt Butzbach das Leben.

Die Personallage in den hessischen Gefängnissen ist katastrophal. In Wiesbaden-Dotzheim beispielsweise werden „psychisch schwer defekte Leute“ verwahrt, ein Drittel der Jugendlichen bezeichnet der Anstaltsleiter als extreme Alkoholiker. Für die 200 „Schwerstgeschädigten“ (Busch) steht jedoch nur ein Psychologe zur Verfügung, der gerade erst seinen Dienst angetreten hat.

In Dotzheim fehlen derzeit fünf Fürsorger. Die Planstellen sind zwar bewilligt, der personelle Notstand jedoch erscheint so kraß, daß die „sehr intensive Behandlung“, die Busch für seine Häftlinge fordert, vorerst Illusion bleiben muß. Und wenn der Leiter von seiner Anstalt meint, sie sei die „Intensivstation der Gesellschaft“, so ist dies bestenfalls ein Wunschtraum.

Ernst Klee