Die Fronten des arabischen Lagers sind erneut in Bewegung geraten. Auch nach dem mißglückten Putsch in Marokko, der Hinrichtung von zehn führenden Offizieren und einer landesweiten Verhaftungswelle ruft Libyen unentwegt zum Sturz von König Hassan II. auf. Tripolis hat inzwischen die diplomatischen Beziehungen zu Marokko abgebrochen; Hassan beschränkte sich vorerst auf abschätzige Bemerkungen über die intellektuellen Fähigkeiten der libyschen Regierung.

Die Hintergründe des Putsches sind noch immer ungeklärt. Es spricht einiges für die Annahme, daß die Offiziere einen Berberstaat in Marokko errichten wollten. So sollen einige Aufständische in das Atlasgebirge – die Heimat der Berber – geflohen sein und sich trotz eines großen Militäraufgebots verbergen können.

Ägyptens Staatspräsident Sadat versuchte vergeblich, der libyschen Staatschef Gaddafi zur Mäßigung zu bewegen. Gaddafi – einflußreich dank des Ölreichtums seines Landes – spielt weiterhin den starken Mann, auch in dem zweiten Konflikt der vergangenen acht Tage.

König Hussein von Jordanien, der nach dem Putsch seine Sympathien für Hassan durch einen persönlichen Besuch in Rabat dokumentierte, kündigte alle Abkommen des Vorjahres mit den Palästinensern auf und drückte sie in einem fünftägigen Kampf als dem dichtbesiedelten Nordjordanien in das Jordantal. Die königstreuen Truppen handelten nach dem Motto „Pardon wird nicht gegeben“. Etwa 80 Freischärler flüchteten nach Israel. Sie berichteten von blutigen Massakern.

Amman fühlt sich stark genug, das Fedajin-Problem jetzt in seinem Sinne endgültig zu lösen: konziliant gegenüber den protestierenden Nachbarn, ohne Gnade gegenüber den Freischärlern. Der Irak hat bereits die diplomatischen Beziehungen zu Amman abgebrochen. Gaddafi forderte eine arabische Gipfelkonferenz und „scharfe Maßnahmen“, um dem „Massaker und Gemetzel“ ein Ende zu setzen.

Noch in die Aufregung um die libyschmarokkanischen Spannungen und Jordaniens Vorgehen platzte die dritte Hiobsbotschaft: Im Sudan setzte der 36jährige Major und ehemalige Militärattache in Bonn, Haschern el Atta, in einem Putsch Staatschef Numeiri ab. Atta bildete schon 24 Stunden später eine neue Regierung „aller wahrhaft progressiven und nationalistischen Kräfte“ unter dem früheren stellvertretenden Ministerpräsidenten el Nur Osman. Der Irak erkannte als erster das Linksregime an.

Der wahre Verlierer des Staatsstreiches scheint Ägypten zu sein. Atta war im November 1970 aus der Regierung entfernt worden, einen Tag vor der Verhaftung des Generalsekretärs der sudanesischen KP. Numeiri hatte kurz zuvor bekanntgegeben, daß er der Föderation von Ägypten, Libyen und Syrien beitreten wolle, sobald er den Widerstand der Kommunisten gegen diesen Schritt gebrochen hätte. Atta kündigte nun als erstes an, daß die Anfang 1971 verbotenen kommunistischen Organisationen wieder zugelassen werden. Von der bisherigen „engen Freundschaft zu Ägypten“ war dagegen keine Rede mehr.