Von Karl-Heinz Wocker

London, im Juli

Die Wahlplakate sind noch in guter Erinnerung: Heath, Maudling, Douglas-Home, Hogg und Co. als „yesterday men“, die Männer von gestern. Harold Wilson benutzte das Schlagwort während des Wahlkampfes im vergangenen Jahr ausführlich, um den Tories den Blick auf die Zukunft abzusprechen. Die Finanz- und Sozialpolitik der Regierung Heath schien ihm dann recht zu geben. Nun aber, da die erste große Entscheidung seit langer Zeit auf das britische Parlament zukommt, ist es Wilson, der nach rückwärts blickt.

Die ersten zehn Minuten seiner Rede auf dem Sonderparteitag der tausend Labour-Delegierten am vergangenen Wochenende brachte er damit zu, die Kontinuierlichkeit seiner Linie durch alte Zitate zu beweisen. Da es sich um eine Linie der Unentschlossenheit und des Abwartens gehandelt hatte, war das nicht sehr eindrucksvoll. Niemand wollte wissen, was Wilson gestern gedacht hatte. Es interessierte auch nur die Theoretiker, wenn er versicherte, die jetzt ausgehandelten Beitrittsbedingungen hätte sein Kabinett nicht angenommen. Imperfekt und Konjunktiv sind schlechte Argumente, wenn eine Nation nach der klaren politischen Grammatik von Präsens und Futur verlangt.

Noch einmal wurde das deutliche Nein hinausgezögert. Es soll erst am 28. Juli in einer Vorstandssitzung formuliert werden. Der Vorstand ist nicht das breite Forum, auf dem die Beitrittsgegner im Labourlager die Entscheidung gefällt sehen möchten. Aber der Oppositionsführer ließ keinen Zweifel, daß er gegen die Bedingungen ist. Aber muß man aus seinen Attacken gegen den „landwirtschaftlich orientierten Wohlstandsklub“ der EWG und ihrer Zollpolitik nicht sogar schließen, daß ihm nicht nur der Eintrittspreis, sondern auch „der ganze Laden“ nicht paßt? Wilson kehrt nicht nur hinter den Juni 1970, also hinter den Beginn der nun abgeschlossenen Beitrittsverhandlungen zurück. Er bringt jetzt Argumente, die noch vor dem Mai 1967, als sein eigenes Labour-Kabinett den zweiten britischen Beitrittsantrag stellte, gebraucht wurden.

Wilson griff sogar ins rhetorische Arsenal der 50er Jahre. Ausgerechnet während der Kanzlerschaft Brandts vor möglichen deutschen Fingern am Atomhebel zu warnen, ist entweder eine Beleidigung der deutschen Sozialdemokraten, oder aber es zeugt von nicht viel brüderlicher Hoffnung in deren Aussichten bei der nächsten Bundestagswahl. Da hilft es auch kaum, daß Wilson diese teutonische Gefahr natürlich nur gegeben sieht, solange eine konservative Londoner Regierung zu solchen Veränderungen im Rüstungsstand Europas ihre Hand leihen könnte.

Aber das Verhältnis des Labour-Führers zur internationalen Arbeiterbewegung war insgesamt rückwärts gewandt. Daß Neuseeland die Beitrittsbedingungen offiziell akzeptiert hat, tat Wilson ab mit dem Hinweis, die neuseeländische Labour Party unter Norman Kirk sei nicht einverstanden. Darauf hat sein Stellvertreter Roy Jenkins zwei Tage später, die Antwort gegeben, Norman Kirk sei gut und schön, aber Willy Brandt sei wichtiger. Die ganze Commonwealth-Sentimentalität des linken Labour-Flügels zerstörte Jenkins mit einer kleinen Plauderei aus der Schule: Als es dem Pfund am schlechtesten gegangen sei, habe es keinen brutaleren Gesprächspartner für ihn, den Labour-Finanzminister gegeben als zum Beispiel die „lieben“ Australier, die ihre Sterling-Guthaben rücksichtslos abzogen.