ARD, Donnerstag, 15. Juli: „Geschäfte mit Plückhahn“, von Horst Lommer

Helmut Qualtinger in „Geschäfte mit Plückhahn“, einem Traktat über das Thema „Liebe ist auf Geldverhältnisse zurückzuführen, Rührung erregt allein der Profit“: Er läuft nicht, hastet nicht, kriecht nicht, er geht seinen Gang, die Arme in der Art eines Menschenaffen nach vorn geführt, den Schädel gesenkt, den Kopf zu einer Funktion des Nackens, den Nacken zu einer Funktion der Schultern gemacht, so geht er wie ein großes schwarzes Tier, lauernd, mißtrauisch, heimtückisch, profitgeil, gedemütigt, ein kleinbürgerlicher Händler, der alle Zwänge dieser Welt verinnerlicht hat, macht immer die gleichen Bewegungen – aber dies in einer Art, daß das Schlendern zugleich das Sichabjagen verdeutlicht und das Kriechen im gemessenen Gang enthalten ist. Und was für die Bewegung gilt, gilt auch für Mimik, Gestik und Artikulation: So schmal ist die Spannbreite, so entschlossen wird hier auf extreme Verdeutlichung, ja, schon auf entschiedenes Unterstreichen verzichtet, daß ein Anheben der Stimme bereits wie ein Zornausbruch wirkt und die Vertauschung von Pfeife und Zigarre, mehr bedarf es nicht, den Übergang von der Alltags- zur Sonntags-Stimmung markiert.

Entscheidend sind dabei die Diskrepanzen und Entsprechungen, die sich zwischen dem Text auf der einen und der Intonation und Gestik auf der anderen Seite ergeben: Schauspieler geringeren Ranges würden die Sätze: „Kommen Sie mir nicht anwürfig. Sie haben abgewohnt“ im Feldwebelton artikulieren, der Hauswirt schnauzt den Mieter an, während Qualtinger, leise und litaneiartig sprechend, durch dieses psalmodierende Zitieren anschaulich macht, daß es sich bei dem Gespräch nicht um einen individuellen Fall, sondern um ein gesellschaftliches Rollenspiel handelt: Ein Hauswirt, der die Macht hat, kann es sich leisten, leise zu sprechen – wozu brüllen, wenn die Paragraphen des Mietvertrages über eine Stentorstimme verfügen? „Dank für die Teilnahme“: mit wieviel Süffisanz und Sentimentalität ließen sich diese vier Worte, am Grabe der Frau zum Liebchen gesprochen (zum Liebchen, das auf dem Friedhof nach dem Eckladen schielt), von der Regie her belasten ... Qualtinger aber duldet dergleichen Brimborium nicht, er spricht den Satz wie „Dank für die Begleitung“ und zeigt auf diese Art, daß es in der Plückhähne-Welt den Frauen sehr wohl ansteht, selbst den Fußtritt der Männerwelt respektvoll entgegenzunehmen.

Und das Erstaunlichste: Gerade durch die (sorgsam kalkulierte) Beschränkung der Mittel, eine Anordnung der mimetischen Elemente im Zentrum der Gefühlsskala, gibt er den wenigen Tönen ihre Doppeldeutigkeit, ermöglicht dort schon den Schauer, wo gemeinhin nur vom Wetter geredet wird, und läßt da bereits Tragik aufleuchten, wo sonst nur Bierbestellung praktiziert wird: Plückhahn spielend, eine Titel-Charge in einem mäßigen Stück, erinnert er, wenn er „das würde sich auf meine Tasche stellen“ sagt, an Père Goriot, stellt keinen Geizigen, sondern den Geiz selbst dar und macht mit Hilfe winziger Gesten dem Zuschauer begreiflich, daß sogar die armselige Moritat vom Bürger Kohlenhändler und seinesgleichen sich in der Manier Shakespeares, auf die Johanns und Richards verweisend, darstellen läßt. „Das Kohlengeschäft entwickelt sich rückläufig“: Qualtinger verwandelt das in die Maxime eines Renaissancefürsten, der sich über ausbleibende Steuern beklagt.

Personen als Charaktermasken zu denunzieren und Identitäten zwischen Haus- und Reichs-Besitzern nachzuweisen: Wer außer ihm bringt das heute noch fertig? Momos