Von Gustav Adolf Henning

Das Ziel der am letzten Montag gestarteten Apollo-15-Expedition riß den namhaften britischen Mondforscher Patrick Moore zu alpinistischer Schwärmerei hin: „Kein irdisches Gebirge hält einem Vergleich mit der wilden Grandiosität der Mond-Apenninen stand. Die ersten Bergsteiger auf dem Mond werden Jahre benötigen, um die versteckten Wunder der Apenninen zu erschließen.“

Immerhin werden die Insassen der Fähre „Falcon“, Kommandant David Scott und Mondfährenpilot James Irwin‚ die Wunder im Landeanflug überfliegen. Und sollte es ihnen gelingen, den Landepunkt leidlich genau zu treffen, dann werden sie zwei Formationen zu sehen bekommen – und per Farbfernseher übertragen –, für die die irdische Geographie nichts Analoges zu bieten hat: Eine rund 4000 Meter steil aufragende Bergwand und die Schlucht der „Hadley-Rille“.

Geplant ist die Erkundung von mehr als 75 Quadratkilometern Mondgelände. Das ist weit mehr, als Scott und Irwin auf zwei Ausflügen von sieben und einem von sechs Stunden Dauer bewältigen könnten, wenn sie zu Fuß gehen müßten. Sie sind jedoch motorisiert. Im Quadranten 1 der Abstiegstufe ihrer Fähre steckt ein zusammengefaltetes Geländefahrzeug, der „Lunar Rover“ (sh. ZEIT-Magazin Nr. 29).

Die Raumschiffkombination Apollo 15 ist das erste Gerät der sogenannten „Jott-Serie“. Mit Typen dieser Serie kann die Dauer eines Mondflugs auf maximal sechzehn Tage ausgedehnt werden, ein Spielraum, von dem Apollo 15 freilich nur zwölfeinhalb Tage ausnutzt. Scott und Irwin werden sich dabei fast drei Tage auf dem Mond aufhalten; das Mutterschiff „Endeavour“ kreist insgesamt sechs Tage in der lunaren Umlaufbahn – während des Mondausflugs allein vom Raumschiffpiloten Alfred Worden besetzt.

Der Landeanflug über die Viertausender der Apenninen hinweg und das rechtzeitige präzise Aufsetzen vor der grabenartigen, 800 Meter breiten und 400 Meter tiefen Hadley-Rille wird das riskanteste aller bisherigen Mondlandeoperationen sein. Nach der Landung soll Scott die obere Luke der Fähre öffnen und die Landschaft exakt schildern. Die Fährenbesatzung legt sich danach sieben Stunden zur Ruhe, und die Flugkontrolle in Houston hat nun Zeit genug, aus Scotts Angaben den Landeort zu ermitteln und nötigenfalls die geplanten drei Erkundungsfahrten zu modifizieren.

Noch am Landetag, am Sonnabend um 14.39 Uhr, verlassen Scott und Irwin erstmals die Fähre. An einem Seilzug lassen sie das Mondauto aus der Abstiegsstufe herab. Seine Räder klappen durch automatischen Federdruck selbsttätig aus. Nach dem Aufstellen einer Instrumentenstation, darunter wieder ein Seismometer, unternehmen die Mondbesucher eine erste Probefahrt mit dem Rover. Ein einziger T-förmiger Steuerknüppel vereinigt bei diesem elektrisch mit dem Strom aus zwei 36-Volt-Batterien betriebenen Fahrzeug die Funktionen von Lenkrad, „Gaspedal“ und Bremse. Ein Schub des Knüppels nach vorn setzt den Wagen in Gang. Drehung am Knüppel bewirkt den entsprechenden Einschlag der Räder. Das Fahrzeug kann 70 Zentimeter breite Spalten und 30 Zentimeter hohe Steine überrollen, was die Fahrer kaum bemerken, weil der Wagen gut gefedert ist.