Die Idee entstand 1969, beim alljährlich vom Bayerischen Rundfunk (BR) veranstalteten Prix Jeunesse: die von allen deutschen Fernsehanstalten sträflich vernachlässigten rund siebzehn Millionen jugendlichen Zuschauer dadurch wieder für den Bildschirm zu interessieren, daß man sie selbst ihre Programme gestalten ließ.

So geschah es bei „In“ von Radio Bremen und bei „Bildstörung“ am BR: Fünf Schüler verschiedener Münchner Gymnasien, zwischen achtzehn und zwanzig Jahre alt, durften seit April 1970 und bisher viermal etwa fünfundzwanzig Minuten lang im Nachmittagsprogramm selbstverantwortete Filme zeigen. Themen: Fürsorgeerziehung, die Technik des Straßeninterviews im Fernsehen, Sexualität und Apo, Mieterselbsthilfe durch Bürgerinitiative. „Bildstörung“ V sollte am 17. September vierzig Minuten lang das Medium Fernsehen selbst, seine Arbeitsweise, seine Zuschauer und die Produktionsbedingungen der öffentlich-rechtlichen Anstalten am Beispiel der hierarchischen Struktur des BR kritisch beleuchten.

Doch am 11. Juli wurden die fünf Schüler in einem Brief der Anstalt ohne jede Begründung davon benachrichtigt, die Sendung sei „nicht sendefähig“; der Grund liege „nicht in der Sache beziehungsweise im Thema, sondern ausschließlich in der mangelhaften journalistischen Qualität“. Weiter unten wird ihnen mitgeteilt, „daß wir durch Programmverschiebungen, die außerhalb unseres Einflusses liegen, den für Oktober vorgesehenen Jugendtermin an einen anderen Sender abgeben müssen. Damit entfällt leider die Möglichkeit, noch eine weitere Folge der ‚Bildstörung‘ zu produzieren.“

So verrät man sich. Der unvermittelten Liquidation einer unliebsamen Sendung folgt prompt die Verabschiedung der betroffenen Mitarbeiter. „Das ist ein ganz mieser, unvertretbarer Stil“, kommentierte der Bildungsexperte Dr. Jürgen Böddrich vom Bayerischen Rundfunkrat die Zensurmaßnahme, „das ist autoritäres Verhalten und pädagogisch unvertretbar“. Dr. Böddrich hat eine Vorführung der Sendung vor dem Rundfunkrat beantragt. Und die fünf Schüler suchen inzwischen einen neuen Sender.

Der Hergang selbst und die Haltung des BR, der für seinen Sendebereich schon das Jugendmagazin „Zoom“ gesperrt hatte, sind bezeichnend: Die Schüler, am Anfang dem Apparat relativ hilflos ausgesetzt, mußten sich wiederholt Ideen und Intentionen als technisch nicht machbar ausreden lassen. Langsam wurden sie selbstsicherer. Während des Schnitts von „Bildstörung“ V wurden mit ihnen die Thesen, der Inhalt, nicht die beanstandete „journalistische Qualität“ und andere Mängel diskutiert. „Qualität“ aber, ohne nähere Begründung, ist eine fast schon übliche und exemplarische Zensur-Argumentation, wie „technische Mängel“ oder „nicht ausgewogen genug“: man kann sie eigentlich immer anwenden.

Da es dem Brief nach nicht um die „Sache“ oder das „Thema“ geht, trifft der Vorwurf „schlecht gemachte Sendung“ allein den BR selbst, sein Kamerateam und seine Cutter, die diese Sendung produziert haben. So schneidet sich ins eigene Fleisch, wer nicht den Mut hat, seine willkürliche Hauszensur beim Namen zu nennen, und statt dessen diplomatische Ausflüchte, sucht. Zumindest muß man dem BR vorwerfen, äußerst ungeschickt zu taktieren und zu verschleiern, wo Transparenz allein der Klärung dienen würde.

Das schlechte Gewissen diktiert nun die weitere Entwicklung: Journalisten wird eine Ansicht der verbotenen Sendung verweigert, eine Presseerklärung diffamiert das Projekt der Schüler mit dem Sarkasmus, die hätten Enzensbergers „Kursbuch“ gelesen und schlecht verdaut, und eine Kommentierung des Falles im „Notizbuch“ des bayerischen Hörfunks wurde von den Fernsehkollegen verhindert. Über die Affäre soll erst einmal Gras wachsen.