Brüder

Die Kien-Brüder schlenderten durch den Jenisch-Park, verließen ihn und überquerten die leere Straße.

"Schau mal, keine Autos!" sagte Jakob. "Heute sind alle Leute zuhause geblieben, damit sie die Sondermeldungen nicht verpassen."

Auf dem Strandweg zwischen der Straße und der Elbe schlug Franz Kien die Richtung stromabwärts ein. Jakob folgte ihm. Das Wasser zog nach draußen.

"Ebbe", sagte Franz.

"Ja", sagte Jakob, "ich hab’s schon gewußt. Ich hab’ zuhaus im Tidekalender nachgesehen."

Er schwärmte für Hamburg, für Norddeutschland. Franz auch, aber nicht so sehr wie Jakob.

Sie begegneten Gruppen von Sonntagsspaziergängern.

Brüder

"Weniger als sonst", sagte Jakob. "Trotzdem sind’s noch viele."

"In der Haseldorf Marsch ist heute sicher kein Mensch."

Sie dachten an die flachen Wiesen, die Kopfweiden, die Schilfkanäle, in denen Boote verrotteten.

"Wir hätten rausfahren sollen", sagte Franz.

"Dann hätten wir früher losgehen müssen", sagte Jakob.

Sie bedauerten es jetzt, daß sie den ganzen Vormittag vor dem Rundfunkapparat gesessen hatten, in der Wohnung von Franz.

"Hier ist es auch ganz schön", sagte Jakob.

Brüder

"Ach, Mist!" sagte Franz.

Die Sonne stand halbhoch jenseits des Stroms. Sie blieben stehen, weil Jakob fotografieren wollte. Er machte zwei Aufnahmen, eine nach Südwesten, ins Gegenlicht, die andere, mit der Sonne im Rücken, von den Hafenanlagen im Osten. Er blickte dabei nach unten, auf die Mattscheibe seiner Rolleiflex; bei der ersten Aufnahme lag die Horizontlinie, der weit entfernte Deich des Alten Landes, als dunkler Strich hoch im Bild, zwischen der grau schimmernden Wasserebene und dem flachen Rechteck eines Himmels, der fast weiß war; bei der zweiten standen die Öltanks am Petroleum-Hafen, die Hellinge auf Waltershof und die Dockwände tiefer drinnen im Hafen gut ausgeleuchtet, rot, rostig und schwarz, unten am Rand eines monochrom blauen Herbstes.

"Das Bild gibt in Schwarzweiß nichts her", sagte Jakob. "Schade, daß es noch keine guten Farbfilme gibt."

Franz betrachtete seinen Bruder, wie er entschlossen auf die Mattscheibe starrte. Jakob war kleiner als er, fester, stämmig, seine Haare waren rötlich, auch sein Gesicht, das immer wie entzündet wirkte. Sein Kinn war ein kräftiges Quadrat, das sich vorschob, wenn Jakob über etwas nachdachte oder wenn er einen Gegenstand untersuchte, wie jetzt. Wir haben in der ganzen Familie sonst kein solches Kinn, dachte Franz.

"Du mußt eben malen", sagte er. "Warum gehst du nicht in eure Malklasse?"

Jakob beobachtete das Bild auf der Mattscheibe länger als nötig, ehe er auf den Auslöser drückte. Dann klappte er den Sucherschacht zu.

"Man kann nicht einfach malen", sagte er, während sie weitergingen. "Du hast keine Ahnung."

Brüder

Er ging auf die Landeskunstschule, nahm Unterricht in Schrift, Typographie, graphischen Techniken.

"Wenn du wenigstens zeichnen würdest", sagte Franz. "Eure Aktklasse soll ausgezeichnet sein."

"Laß mich doch in Ruhe damit!" sagte Jakob.

"Ich habe keine Lust dazu."

Sie blieben wieder stehen und beobachteten eine Flugzeugstaffel, die von der Stadt her über die Elbe nach Süden flog. Unter ihrem schnellen Flug hingen die Fesselballone, die seit ein paar Tagen aufgezogen worden waren, reglos im Kreis um den Hafen. Erst nachdem die Flugzeuge verschwunden waren, begannen sie wieder sich zu bewegen; gelb schwebten sie im blauen Äther.

"Vielleicht hat der Krieg schon angefangen", sagte Jakob.

"Möglich", sagte Franz.

Brüder

"Wir hätten doch am Radio bleiben sollen."

"Wir erfahren es noch früh genug."

"Bin gespannt, ob wir schnell eingezogen werden, wenn es losgeht."

"Du muß? auf deiner Tbc rumreiten bei der Musterung", sagte Franz. "Außerdem bist du überhaupt noch zu jung."

Jakob war siebzehn. Er hatte zwei Jahre mit einer Knochentuberkulose im Bett gelegen, von seinem zehnten bis zu seinem zwölften Jahr.

Im November werd’ ich achtzehn", sagte er. "Und die Tbc ist ganz ausgeheilt."

Franz widersprach ihm nicht weiter. So, wie Jakob aussah, stabil, fast vierschrötig, würden sie ihn bestimmt kriegsverwendungsfähig schreiben.

Brüder

"Jedenfalls kommst du zu einer motorisierten Einheit. Mich ziehen sie garantiert zur Infanterie."

"Vielleicht ziehen sie solche, die im KZ waren, überhaupt nicht ein?" sagte Jakob.

"Das war zu schön, um wahr zu sein", sagte Franz.

Vor sieben Jahren, als er so alt gewesen war wie Jakob jetzt, war er Mitglied des Kommunistischen Jugendverbands gewesen, in München, wo die Kien-Brüder damals gewohnt hatten. Über die Fläche des Stroms blickend, erinnerte er sich an die Jahre, die er in gewissen Vorstädten Münchens verbracht hatte.

"Hamburg ist doch besser als München", sagte er.

"Klar", sagte Jakob.

"Aber wir werden nicht mehr lange hier sein", sagte Franz.

Brüder

Sie hatten Blankenese erreicht und gingen die Strandstraße entlang. In den Cafés saßen heute nur wenige Gäste. Die kleinen Kapitänshäuser weiter oben am Hang waren mit weißer Ölfarbe dick überstrichen. Dick und weiß hockten sie im dunklen Spätsommergrün ihrer Gärten.

"Vielleicht fang’ ich mal an zu malen", sagte Franz.

Er sagte immer solche Sachen, die Jakob erbitterten und unruhig machten. Franz wollte malen, Franz wollte schreiben. Statt dessen war er Angestellter in der Werbeabteilung einer Papierfabrik, schrieb Anzeigentexte. Außerdem war er schon verheiratet, hatte ein Kind. Malen würde er nie, dachte Jakob. Nicht mit dem Kopp! Franz war einen Kopf größer als Jakob, schlank, sein Gesicht war blaß, flächig, seine Stirne war sehr hoch, er trug eine Hornbrille mit scharfen Gläsern, minus zehn Dioptrien. Obwohl sie sehr verschieden aussahen, ähnelten sich die Kien-Brüder doch. Zum Beispiel hatten sie die gleichen braunen, ziemlich kleinen Augen und die gleichen kurzen, drahtigen Haare, nur daß sie bei Jakob rötlich waren, bei Franz dunkelbraun.

"Was hast du morgen früh?" fragte Franz.

"Handsatz", sagte Jakob.

"Muß interessant sein!"

"Es ist ziemlich langweilig."

Brüder

Er wollte es Franz gegenüber nicht zugeben, daß er seit einiger Zeit Geschmack an den graphischen Fächern gefunden hatte. Es war Franz gewesen, der die Idee gehabt hatte, er solle Graphiker werden. Er gab ihrer Mutter einen Zuschuß zu ihrer Rente, damit sie das Studiengeld für Jakob bezahlen konnte.

"Vielleicht kannst du mal ein Gedicht von mir setzen", sagte Franz.

Er stellte sich vor, wie es wäre, einmal etwas von sich gedruckt zu sehen.

Jakob hatte noch nie ein Gedicht seines älteren Bruders zu Gesicht bekommen. Er kam fast um vor Freude.

"Da mußt du noch ein paar Monate warten", sagte er. "Ich bin noch nicht soweit."

"Schade", sagte Franz, "bis dahin sind wir schon wer weiß wo."

"Na, ich kann’s ja mal versuchen", sagte Jakob.

Brüder

"Machen wir, daß wir aus den Häusern rauskommen!" sagte Franz.

Jakob hätte gern Kaffee getrunken und Kuchen gegessen, in einem der Cafés, aber er sagte nichts. Sie wollten ja noch bis zum Fuß des Hochufers, wo der Strand breit wurde, besonders wenn Ebbe war, wie jetzt. Sie hatten darüber nicht gesprochen, aber es war von vornherein klar gewesen.

"Es ist schon fünf Uhr", sagte Franz.

Das Licht kam nun flacher, durchleuchtete horizontal die Leere über dem Wasser. Es gab kaum Wind.

"Der Ehemann muß rechtzeitig zuhause sein", sagte Jakob.

Jenseits des Schweinesands liefen zwei Finkenwerder Fischkutter mit dem Strom aus.

"Weit raus können die sicher nicht mehr", sagte Franz. "Die ganze Nordsee soll schon vermint sein."

Brüder

Sie hatten während ihres Spaziergangs kein einziges ausfahrendes Seeschiff gesehen, wie sonst an den Sonntagnachmittagen, wenn sie in der Haseldorfer Marsch umherstreunten. Dort schienen die Schiffe durch die Wiesen zu fahren, wenn man sie vom Land hinter dem Deich aus erblickte, weil man dann die Elbe nicht sehen konnte. Hier, hinter Blankenese, gab es keinen Deich, sondern ein Hochufer, das der Strom aus der Geest gescharrt hatte. Jakob blickte nach oben, wo einzelne Kiefern sich über die Abbruchkante neigten; einige ihrer Wurzeln hingen schon in der Luft. Er überlegte, ob er eine Aufnahme machen sollte, ließ es dann sein, obwohl die Sache graphisch gut aussah.

Als sie bis dorthin kamen, wo die Ebbe Sandflächen freigelegt hatte, setzten sie sich zuerst auf die niedrige Böschung, zogen ihre Pfeifen heraus und stopften sie. Jakob besaß einen ledernen Tabakbeutel, während Franz den Tabak einem Fabrikpäckcheri entnahm. Er benutzte ein Feuerzeug. Jakob brauchte ziemlich lang, bis seine Pfeife brannte, weil ihm die Streichhölzer immer wieder erloschen. Franz sah ihm dabei zu.

"Gestern hab’ ich mir ‚Die Niederelbe‘ von Linde aus unserer Schulbibliothek geholt", sagte Jakob, als sein Tabak endlich stetig zog. "Ein erstklassiges Buch! Die Photos sind veraltet, aber trotzdem prima, weißt du, so alte Plattenaufnahmen, wie man sie heute nicht mehr macht. Du, es muß ganz wunderbare Marschen geben, besonders auf dem rechten Elbufer. Hast du mal was von der Wilster Marsch gehört?"

"Natürlich", sagte Franz. "Das ist die Marsch, wo es noch die alten Windmühlen gibt, die das Wasser von einem Kanal in den anderen schöpfen. Sie stehen in Reihen an den Kanälen. Es muß toll aussehen."

Er weiß immer schon alles, dachte Jakob.

Nach einer Weile fragte er: "Aber dort gewesen bist du noch nicht?"

"Nein."

Brüder

Franz Kien war vor zwei Jahren nach Hamburg gezogen. Im ersten Jahr, ehe er seine Mutter und Jakob nachkommen ließ, ging er auch sonntags meistens in die Fabrik. Er konnte dort besser schreiben als zuhause, besonders während der Zeit, in der seine Frau das Kind austrug. Manchmal verließ er seinen Tisch in der Werbeabteilung und blickte in den leeren Fabrikhof hinab, oder er ging in die Maschinenhalle. Das Papier hing starr in breiten Bahnen von den Rollen.

"Wir müssen einmal zusammen hin", sagte Jakob. Er hatte noch kein Mädchen.

"Ich weiß nicht", sagte Franz, "wenn Krieg ist, werd’ ich wahrscheinlich keine Lust mehr dazu haben."

"Ich schon", sagte Jakob. "Und wenn er vorbei ist, mach’ ich einen Bildband über die Marschen. Oder vielleicht nur über die Wilster Marsch. Falls ich heil rauskomme."

Die Kien-Brüder kamen aus Süddeutschland, aber ihre Vorfahren waren Norddeutsche gewesen, Norddeutsche und Slawen und Franzosen.

"Du mußt unbedingt Joseph Conrad lesen, ‚Spiegel im See‘!" sagte Franz. "Das Kapitel, in dem er die Themse-Mündung beschreibt. Nach dem Krieg will ich mir die Themse-Mündung anschauen. Und London und ein paar andere Sachen."

Die Themse kann gar nichts haben, was die Elbe nicht auch hätte, dachte Jakob. Man muß sich auf eine Sache konzentrieren.

Brüder

Im Freien brannten ihre Pfeifen schnell aus. Sie standen auf und schlenderten über den Sand bis zur Wasserlinie. Das Wasser lief noch immer ab. Sie suchten nach Muscheln, hoben ein paar kleine, weißliche Schalen auf. Jakob fand eine grüngelbe Donax, mit feinen, radialen Rippen.

"Auf Amrum werden wir ganz andere finden", sagte er. "Nächsten Sommer."

"Daraus wird nichts mehr", sagte Franz.

Die Sonne stand jetzt tief über dem Alten Land. Die Strände, auf denen sie gingen, schimmerten rötlich.

Als sie im Blankeneser Bahnhof in den Zug stiegen, waren sie ziemlich müde. In Altona mußten sie umsteigen. Dort gab es Zeitungen, Extrablätter, aus denen sie erfuhren, daß der Krieg ausgebrochen war. Alle Leute lasen die Nachrichten, falteten die Blätter, steckten sie ein und gingen zu ihren Zügen. Franz stieg am Dammtor aus; er wohnte in Eppendorf. Jakob fuhr bis zum Berliner Tor weiter, wo er in die Straßenbahn umsteigen mußte. Er wohnte mit seiner Mutter am Horner Weg.