Von M. Y. Cho

Auch auf dem deutschen Buchmarkt erscheinen immer häufiger Originalstudien über China, nur sind sie selten empfehlenswert. Einige recht angesehene Verlage haben in letzter Zeit in der Bundesrepublik mehrere China-Bücher herausgebracht, aber obschon ihre Titel anspruchsvolle Wörter wie "Ideologie", "Revolution" und "Widersprüche" enthalten, sind sie wegen der Dürftigkeit des Inhalts nicht besprechenswert.

Das folgende Taschenbuch dagegen ist der erste ernsthafte Versuch, in deutscher Sprache den Marxismus Mao Tse-tungs, der ja dem Aufbau des Sozialismus und der Kulturrevolution in China zugrunde liegt, zu analysieren:

Hans Heinz Holz: "Widerspruch in China – Politisch-philosophische Erläuterungen zu Mao Tse-tung"; Reihe Hanser 27; Carl Hanser Verlag, München 1970; 120 S., 7,80 DM

Wenn diese höchst seriöse Abhandlung noch mehr oder weniger unbekannt ist, so mag ein wenig der geschmacklose Umschlag des Buches daran schuld sein, der manche Leser abstößt. Die meisten Rezensenten haben sich anscheinend jedoch von dem Umstand abhalten lassen, daß der Autor wegen seiner Habilitation und Berufungsverhandlungen in Basel, Berlin und Marburg sehr umstritten war. Wie unfair die Pauschalbeurteilung war, Holz sei unqualifiziert als Wissenschaftler, bezeugt das vorliegende Bändchen.

Manche deutschen "Asienwissenschaftler", die sich mit China befassen, mögen dem Autor die "Kühnheit" verübeln, ohne Chinesischkenntnisse dieses Land zu behandeln und sich dabei auf die in bestimmter Hinsicht gewiß fragwürdigen Vorarbeiten von Joachim Schickel gestützt zu haben. Die exakte Analyse des Autors spricht dafür, daß dennoch eine streng wissenschaftliche Arbeitsweise außergewöhnlich fruchtbare Erkenntnisse ergeben kann. Schließlich ist Holz kein Sinologe, sondern ein Philosoph – übrigens ist es ein offenes Geheimnis, daß viele westliche "Asien-Experten" selbst nicht ganz in der Lage sind, Originalquellen zu lesen, und sie nur über reichlich und schnell verfügbare, ausgezeichnete Übersetzungsdienste "kennenlernen".

Der Autor bestätigt meine eigene These, daß der chinesische Sozialismus nur von "links" her aus der richtigen Perspektive betrachtet werden kann. Holz ist ein intelligenter Marxist’ und kein Opportunist. (Diese Feststellung ist heute wohl nicht unwichtig, da es so viele Rechts- und Linksopportunisten gibt.) Während sich die meisten China-Spezialisten – sei es aus Faulheit oder Unfähigkeit – nie darum bemüht haben, über die im Grund subjektive Beobachtung der objektiven Erscheinungen in China hinaus die politisch-– philosophische Grundlage zu analysieren, versucht Holz, nach bestem Wissen und Gewissen das chinesische Modell der sozialistischen Revolution im Lichte der Maoschen Lehre vom Widerspruch zu betrachten.

Mao sagt: "Vom Standpunkt des dialektischen Materialismus aus existieren Widersprüche in allen Prozessen, die sich in den objektiven Erscheinungen und im subjektiven Denken abspielen, Widersprüche durchdringen alle Prozesse vom Anfang bis zum Ende – darin besteht die Allgemeinheit und Absolutheit der Widersprüche. Die widerspruchsvollen Erscheinungen und jede der Seiten des Widerspruches haben ihre Besonderheiten – darin besteht die Besonderheit und die Relativität der Widersprüche. Den Gegensätzen eignet unter bestimmten Bedingungen Identität, infolgedessen ist es möglich, daß sie nebeneinander in einer Einheit existieren und daß sie sich in ihr Gegenteil verwandeln. Auch darin besteht die Besonderheit und die Relativität der Widersprüche. Doch der Kampf der Widersprüche geht ununterbrochen vor sich, er dauert an, sowohl in der Zeit der Koexistenz der Gegensätze als auch in der Zeit, da sich der eine von ihnen in den anderen verwandelt, wobei der Kampf in jener Zeit besonders offen zutage tritt, da sich ein Gegensatz in den andern verwandelt – darin besteht abermals die Allgemeinheit und Absolutheit der Widersprüche."

Das ist wohl die kürzeste Zusammenfassung der Theorie, die hinter der Maoschen Praxis steckt. Beim Prozeß der sozialistischen Revolution in China handelt es sich in der Tat darum, wie sich die sozialistischen Eigentumsverhältnisse an die feudalistischen (– mehr oder weniger kapitalistischen –) Produktionsverhältnisse anschließen lassen. Mit Recht stellt Holz fest, daß die Kulturrevolution nichts anderes ist als der Versuch, diesen Widerspruch zu lösen. Sie beseitigt, um mit Rossana Rossanda zu sprechen, "die falsche Opposition des geläufigen ‚Basis-Überbau‘-Schemas". ("Der Marxismus von Mao Tsetung", Internationale Marxistische Diskussion 17, Merve Verlag, Berlin 1971; 40 S., 2,– DM.)

So kommt es, daß sich die Chinesen gegen die Theorie Deborins von der "Versöhnung der Widersprüche" und gegen die sogenannte "Konvergenz"-Theorie wenden und für die "revolutionäre Dialektik "Eins teilt sich in zwei" einzusetzen. Revolution heißt vor allem den "Hauptwiderspruch", den Kampf zwischen der proletarischen revolutionären Linie und der bürgerlichen reaktionären Linie, lösen. Mao Tse-’ tung glaubt, daß die Geschichte der menschlichen Zivilisation die des Klassenkampfes ist, eine Geschichte, in der die revolutionären Klassen die reaktionären Klassen besiegen und "verschlucken". Aufschlußreich erscheint in diesem Zusammenhang das chinesische Wort für Widerspruch: "Mao-tun", das heißt wörtlich "Speer und Schild", also zwei gegeneinander stehende Gegenstände.

Der Marxist Holz ist offensichtlich kein "Revoluzzer", sondern ein ernsthafter revolutionärer Theoretiker, der sich bewußt oder unbewußt eben den "wissenschaftlichen Pluralismus" angeeignet hat. Ergreift er doch Partei "gegen die Spaltung, die heute im Namen des Widerspruchs zwischen maoistischer und sowjetrussischer Version den Marxismus-Leninismus in der Welt durchzieht, und versucht, durch Erkenntnis historischer Entwicklungen deren Relevanz und Relativität zu bestimmen". Mehr noch: "Die Große Proletarische Kulturrevolution ist kein Muster, nach dem politische Aktionen in Länder anderer Gesellschaftsstrukturen in Gang gesetzt werden können; chinesische Volkskommunen sind nicht imitierbar; der Verlauf der chinesischen Revolution gibt keine Anhaltspunkte, wie Revolutionen in hochindustrialisierten, kapitalistischen Ländern verlaufen können" (Vgl.: Edoarda Masi: "Der Marxismus von Mao und die europäische Linke"; Internationale Marxistische Diskussion 4, Merve Verlag, Berlin 1970; 40 S., 2,– DM). – Drei wertvolle "Beiträge zur Revisionismuskritik" – enthält das folgende Bändchen

E. S. Varga, Ch. Bettelheim und M. Maccio: Sowjetunion und China – Zwei Wege des sozialistischen Aufbaus"; Schriften zum Klassenkampf Nr. 20; Trikont Verlag, München 1970; 116 S., 9,80 DM

Anschließend an das vermeintliche "Testament" von Varga unter der Überschrift "Der russische. Weg zum Sozialismus und seine Ergebnisse" versuchen Bettelheim ("China und die Sowjetunion: Zwei Modelle der Industrialisierung") und Maccio ("Partei, Techniker und Arbeiterklasse in der chinesischen Revolution"), über eine nur moralische Kritik am sowjetischen System der Herrschaft durch die Bürokratie hinauszugelangen und die "Klassen-Ursachen" der revisionistischen Politik und ihre Tendenzen "objektiv" zu analysieren.

Unerläßliche Dokumente zur sowjetisch-chinesischen Auseinandersetzung, insbesondere zum chinesischen Modell, finden sich in der Reihe "Theorie und Praxis", die der Oberbaumverlag Berlin (Berlin 21, Bundesratufer 1) herausgibt:

Band 1: "Die Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung"; Berlin 1970; 662 S., 12,– DM;

Band 4: "Proletarier aller Länder, vereinigt Euch gegen den gemeinsamen Feind!"; Berlin 1970; 444 Seiten, 10,– DM;

Band 6: "Kampf – Kritik – Umgestaltung: proletarische Schule und Universität in China, Kommunistische Jugend- und Erziehungsarbeit Teil 1"; Berlin 1971; 204 S., 8,50 DM

Während der erste Band, der zunächst 1965 in Peking erschien, politische Dokumente zu den grundlegenden Streitigkeiten zwischen Peking und Moskau vom März 1963 bis zum November 1964 enthält, finden sich in Band 4, dessen Original 1963 in Peking herauskam, vor allem die Dokumente zur Kritik der chinesischen Kommunisten an den "revisionistischen" Kommunisten Westeuropas im Zeitraum von Dezember 1962 bis März 1963.

Die im sechsten Band der Oberbaum-Reihe enthaltenen Dokumente zur kommunistischen Jugend- und Erziehungsarbeit in China sind nützlich zum Verständnis der folgenden beiden Abhandlungen:

Ch. Bettelheim, H. Marchisio und J. Charriere: "Der Aufbau des Sozialismus in China"; Trikont Verlag, München 1969; 175 S., 9,80 DM;

E. L. Wheelwright und Bruce McFarlane: "The Chinese Road To Socialism: Economics of the Cultural Revolution"; Monthly Review Press, New York 1970; 256 Seiten, 7,50 Dollar.

Im erstgenannten Werk, das bereits in dritter Auflage erschienen ist, werden die Grundzüge der chinesischen Planwirtschaft, die Planung und Leitung der Produktionseinheiten, die Entlohnungssysteme in den Volkskommunen, die Preispolitik und die Rolle des Profits behandelt, also die sozio-ökonomischen Grundbedingungen der Kulturrevolution.

In der zweiten Abhandlung untersuchen die beiden australischen Gelehrten nicht nur die wirtschaftliche Entwicklung vor der Kulturrevolution, sondern auch die Folgen 1966 bis 1968. Es ist von großem Wert, daß sie zu den wenigen China-Analytikern gehören, die erkannt haben, daß gerade die ideologischen und menschlichen Faktoren die Besonderheit des chinesischen Sozialismus ausmachen.