Mao sagt: "Vom Standpunkt des dialektischen Materialismus aus existieren Widersprüche in allen Prozessen, die sich in den objektiven Erscheinungen und im subjektiven Denken abspielen, Widersprüche durchdringen alle Prozesse vom Anfang bis zum Ende – darin besteht die Allgemeinheit und Absolutheit der Widersprüche. Die widerspruchsvollen Erscheinungen und jede der Seiten des Widerspruches haben ihre Besonderheiten – darin besteht die Besonderheit und die Relativität der Widersprüche. Den Gegensätzen eignet unter bestimmten Bedingungen Identität, infolgedessen ist es möglich, daß sie nebeneinander in einer Einheit existieren und daß sie sich in ihr Gegenteil verwandeln. Auch darin besteht die Besonderheit und die Relativität der Widersprüche. Doch der Kampf der Widersprüche geht ununterbrochen vor sich, er dauert an, sowohl in der Zeit der Koexistenz der Gegensätze als auch in der Zeit, da sich der eine von ihnen in den anderen verwandelt, wobei der Kampf in jener Zeit besonders offen zutage tritt, da sich ein Gegensatz in den andern verwandelt – darin besteht abermals die Allgemeinheit und Absolutheit der Widersprüche."

Das ist wohl die kürzeste Zusammenfassung der Theorie, die hinter der Maoschen Praxis steckt. Beim Prozeß der sozialistischen Revolution in China handelt es sich in der Tat darum, wie sich die sozialistischen Eigentumsverhältnisse an die feudalistischen (– mehr oder weniger kapitalistischen –) Produktionsverhältnisse anschließen lassen. Mit Recht stellt Holz fest, daß die Kulturrevolution nichts anderes ist als der Versuch, diesen Widerspruch zu lösen. Sie beseitigt, um mit Rossana Rossanda zu sprechen, "die falsche Opposition des geläufigen ‚Basis-Überbau‘-Schemas". ("Der Marxismus von Mao Tsetung", Internationale Marxistische Diskussion 17, Merve Verlag, Berlin 1971; 40 S., 2,– DM.)

So kommt es, daß sich die Chinesen gegen die Theorie Deborins von der "Versöhnung der Widersprüche" und gegen die sogenannte "Konvergenz"-Theorie wenden und für die "revolutionäre Dialektik "Eins teilt sich in zwei" einzusetzen. Revolution heißt vor allem den "Hauptwiderspruch", den Kampf zwischen der proletarischen revolutionären Linie und der bürgerlichen reaktionären Linie, lösen. Mao Tse-’ tung glaubt, daß die Geschichte der menschlichen Zivilisation die des Klassenkampfes ist, eine Geschichte, in der die revolutionären Klassen die reaktionären Klassen besiegen und "verschlucken". Aufschlußreich erscheint in diesem Zusammenhang das chinesische Wort für Widerspruch: "Mao-tun", das heißt wörtlich "Speer und Schild", also zwei gegeneinander stehende Gegenstände.

Der Marxist Holz ist offensichtlich kein "Revoluzzer", sondern ein ernsthafter revolutionärer Theoretiker, der sich bewußt oder unbewußt eben den "wissenschaftlichen Pluralismus" angeeignet hat. Ergreift er doch Partei "gegen die Spaltung, die heute im Namen des Widerspruchs zwischen maoistischer und sowjetrussischer Version den Marxismus-Leninismus in der Welt durchzieht, und versucht, durch Erkenntnis historischer Entwicklungen deren Relevanz und Relativität zu bestimmen". Mehr noch: "Die Große Proletarische Kulturrevolution ist kein Muster, nach dem politische Aktionen in Länder anderer Gesellschaftsstrukturen in Gang gesetzt werden können; chinesische Volkskommunen sind nicht imitierbar; der Verlauf der chinesischen Revolution gibt keine Anhaltspunkte, wie Revolutionen in hochindustrialisierten, kapitalistischen Ländern verlaufen können" (Vgl.: Edoarda Masi: "Der Marxismus von Mao und die europäische Linke"; Internationale Marxistische Diskussion 4, Merve Verlag, Berlin 1970; 40 S., 2,– DM). – Drei wertvolle "Beiträge zur Revisionismuskritik" – enthält das folgende Bändchen

E. S. Varga, Ch. Bettelheim und M. Maccio: Sowjetunion und China – Zwei Wege des sozialistischen Aufbaus"; Schriften zum Klassenkampf Nr. 20; Trikont Verlag, München 1970; 116 S., 9,80 DM

Anschließend an das vermeintliche "Testament" von Varga unter der Überschrift "Der russische. Weg zum Sozialismus und seine Ergebnisse" versuchen Bettelheim ("China und die Sowjetunion: Zwei Modelle der Industrialisierung") und Maccio ("Partei, Techniker und Arbeiterklasse in der chinesischen Revolution"), über eine nur moralische Kritik am sowjetischen System der Herrschaft durch die Bürokratie hinauszugelangen und die "Klassen-Ursachen" der revisionistischen Politik und ihre Tendenzen "objektiv" zu analysieren.

Unerläßliche Dokumente zur sowjetisch-chinesischen Auseinandersetzung, insbesondere zum chinesischen Modell, finden sich in der Reihe "Theorie und Praxis", die der Oberbaumverlag Berlin (Berlin 21, Bundesratufer 1) herausgibt: