Von Haug von Kuenheim

Im Nahen Osten sind die Regeln der Zivilisation und das Recht außer Kraft gesetzt worden. Libyens Staatschef Gaddafi trat die Nachfolge palästinensischer Luftpiraten an und kaperte eine britische Linienmaschine.

Kaum hatte König Hassan von Marokko blutige Rache an seinen Offizieren und Notabein genommen, die gegen ihn rebellierten, da blies der sudanesische Revolutionsführer Numeiri zur öffentlichen Jagd auf Kommunisten. Im Schnellverfahren stellte er die Putschisten, die ihm für drei Tage die Macht entrissen hatten, vor die Gewehrläufe der Erschießungspelotons. Sechs von ihm installierte Militärtribunale sind dabei, „Tag und Nacht“ die ersten 400 Verhafteten, darunter 100 Offiziere, abzuurteilen. Der Staatschef nahm bereits das Urteil vorweg, das sie erwartet: Exekution. Ohne große Phantasie kann sich die Welt den Umfang dieses Khartumer Blutbades ausmalen: über 2000 Personen stehen auf der Fahndungsliste des sudanesischen Staatschefs.

Nicht weniger zimperlich sorgte auch König Hussein von Jordanien für reinen Tisch. Seine Beduinen machten den palästinensischen Freiheitskämpfern den Garaus, die sich angsterfüllt lieber ihren israelischen Erzfeinden als den gnadenlosen arabischen Brüdern ergaben.

Die arabischen Staatsmänner bedienen sich sizilianischer Mafiamethoden als Mittel der politischen Auseinandersetzung. Staatschefs agieren wie Bandenchefs, mit Menschenraub und Mord. Ihre Aktionen während der letzten Tage haben gezeigt, wie instabil diese Staaten sind, wie zerrissen die arabische Welt ist. Nassers Traum von einem Reich, dessen Grenzen vom Atlantik bis zum Persischen Golf, vom Mittelmeer bis tief hinein nach Afrika reichen, ist zerstoben.

Die Interessengegensätze der arabischen Staaten sind unübersehbar; der gemeinsame Kampf gegen Israel ist längst kein einigendes Band mehr. Der Sieben-Tage-Krieg hat die arabischen Illusionen zerstört. Wenn sich heute der ägyptische Präsident Sadat von seinem Volk Sondervollmachten geben läßt, so nicht, um sich als Führer der Araber gegen Israel aufzuspielen, sondern um einen ägyptisch-israelischen Konflikt auszufechten. Mit seinem jordanischen Kriegsgefährten rechnet Sadat nicht mehr. „Ich glaube ihm nicht“, so urteilt er über König Hussein. Eine gemeinsame Strategie der Araber ist derzeit undenkbar, eine Gipfelkonferenz der arabischen Staatschefs scheint ausgeschlossen. „Sie würde die Feindschaften nur noch vertiefen“, erklärte der tunesische Außenminister.

So konzentriert sich Ägypten auf sich selbst. „Arabische Republik Ägypten“ soll nach der neuen Fassung das Land am oberen Nil heißen und nicht länger mehr „Vereinigte Arabische Republik“, wie Nasser sein Land taufte. Zwar erweist Sadat dem Dreierbündnis von Bengasi, dem Libyen, Ägypten und Syrien angehören, seine verbale Reverenz, doch Nassers Großmachtmantel hat er sich nicht übergeworfen. Den versucht sein junger und ehrgeiziger libyscher Nachbar an sich reißen, General Gaddafi.