Seit elf Jahren liegen sie im Dauerclinch: Nina Kandinsky, die prominente Malerwitwe, und Lothar-Günther Buchheim, der Kunstsammler, -verleger, -schriftsteller. Anlaß der Begegnung, die zwischendurch auch alle Symptome eines Schlammringkampfes aufwies: das von Buchheim 1959 im eigenen Verlag herausgebrachte Buch „Der blaue Reiter“, das sich in wesentlichen Teilen mit dem Werk Wassily Kandinskys beschäftigt. Gegen dieses Buch, dessen: Entstehungsgeschichte Frau Kandinsky bis zur Lektüre von Druckfahnen und Begutachtung der Bildauswahl noch mit Wohlwollen verfolgt hatte, hatte sie nach Erscheinen eine einstweilige Verfügung beim Landgericht München erwirkt, der zufolge Buchheim bei „einer vom Gericht festzusetzenden Geldstrafe in unbeschränkter Höhe und einer Haftstrafe bis zu sechs Monaten“ verboten wurde, „Werke von Wassily Kandinsky gewerbsmäßig zu vervielfältigen und zu verbreiten“.

Offizieller Grund für diese drakonische Maßnahmen die 69 in Buchheims Buch reproduzierten Kandinsky-Abbildungen stellten eine Verletzung des Kunst-Urheberschutzgesetzes dar, das; über „einzelne Werke“ hinausgehende umfangreiche Bildzitate nur gestattet, soweit sie die Thesen eines der Wissenschaft dienenden Werkes illustrieren helfen. Inoffizieller Anlaß für den juristisch weitergeleiteten Zorn der Witwe: der Name Gabriele Münter. Daß, so hatte es Buchheim aus einer Münter-Biographie zitiert, Kandinsky dieser Künstlerin und frühen Gefährtin einmal. von Ehe gesprochen hatte, mochte Frau Kandinsky auch dann nicht mehr hören, als sowohl ihr Mann wie Gabriele Münter bereits tot waren.

Elf Jahre lang also wurde, angefangen beim Landgericht München bis hin zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe, diese Auseinandersetzung hin und her getragen mit dem, vorläufig letzten, Ergebnis, daß das Oberlandesgericht München jetzt (mit einem Urteil vom 14. Juli 1971) das erste Urteil des Landgerichts München von 1963 bestätigte, wonach das (gleich nach dem Erscheinen vergriffene) Buch nicht verbreitet werden darf, die Klischees vernichtet werden müssen und Buchheim als Schadensersatz den durch das Buch Gewinn an die Klägerin weiterzuleiten und die gesamten Prozeßkosten zu tragen hat. Das Urteil stammt von dem gleichen Oberlandesgericht, das zweimal für Buchheim entschieden hatte, wobei besonders das Urteil von 1966 über den konkreten Fall hinaus Bedeutung hatte. Es wurde da ausgeführt, daß angesichts eines Gesamtoeuvres von 783 Gemälden, 101 ölstudien, 121 Zeichnungen, 82 Aquarellen, 117 Studien und anderem mehr 69 Abbildungen im Rahmen von „einzelnen Werken“ bleiben; daß außerdem in einem Werk der Kunstgeschichte auch nicht näher erläuterte Bilder „der Vervollkommnung des Textes dienen, da meist die Sprache gegenüber einer künstlerischen Komposition in Farbe als Darstellungsmittel versagt“.

Die Fragen, inwieweit exemplarische Werke der Kunstgeschichte nicht nur realer Besitz eines einzelnen, sondern ideell auch Besitz der Allgemeinheit sind einerseits, und wie andererseits Künstler durch ein verbessertes Urheberrecht endlich davor geschützt werden müssen, daß andere das ernten, was sie gesät haben, sind gerade in den letzten Wochen und Monaten ausführlich diskutiert worden. Wenn aber jetzt die Süddeutsche Zeitung schreibt, das neue Urteil könne „möglicherweise positive Folgen“ haben „für einen Berufsstand, der um seine gesellschaftliche Stellung nach wie vor hart kämpfen muß“, so ist das mehr als ein Mißverständnis; denn im Falle Kandinsky ging es, der Name hat sich vielleicht inzwischen herumgesprochen, doch wohl kaum um die gesellschaftliche Stellung eines international renommierten Toten und auch nicht um das täglich Brot einer Witwe von Millionenwert.

Es ging und geht darum, daß die privaten (und privat vielleicht verständlichen) Gefühle einer Greisin kollidieren nicht nur mit dem gewiß kaum abgeklärt zu nennenden Temperament eines Schriftstellerverlegers, sondern mit dem legitimen Interesse der Öffentlichkeit an dem Werk jenes Mannes, der mehr war als ihr Ehemann.

Aber Nina Kandinskys ceterum censeo „Buch muß werden verhaftet“ und „Buchheim muß werden verboten“ hat inzwischen nicht nur deutsche Gerichte mürbe gemacht, sondern ist auch für das deutsche Kunstleben nicht ohne Folgen geblieben. Aber welchem Menschen kann man es schon verargen, wenn er sich mit einem Gratisfluch auf Buchheim (der ja schließlich auch generös Anlässe zum Fluchen liefert) ein Bild für eine Ausstellung, die Hoffnung auf ein Stück aus dem Nachlaß fürs Museum, die Rechte für eine Publikation oder was sonst noch in einem der Kunst gewidmeten Leben zu erhaschen sich lohnt, einhandeln möchte? So gibt es nicht nur seit elf Jahren Prozesse, sondern auch einen wohlfunktionierenden Witwenterror.

„Die zulässige Revision“, so wurde Buchheim mit dem neuesten Urteil gleich mitgeteilt, „hat wenig Aussicht auf Erfolg.“ Ob diese amtliche Prophetie sich nun bewahrheiten wird oder nicht: Von Erfolgen wird ohnehin niemand mehr reden mögen. Der einzige Erfolg, der bis jetzt zu registrieren war, ist, daß es auch nach nunmehr sechzig Jahren, die seit der Gründung des „Blauen Reiters“ vergangen sind, kein Buch über diese für die Entwicklung der modernen Kunst entscheidende Künstlergruppe gibt, geben darf.