Die „gegenwärtigen geschichtlichen Ereignisse“ – Chomsky meinte damit vor allem den Krieg in Vietnam; und wenn er die Gründe für „Verantwortlichkeit der Intellektuellen“ beschrieb, so hauptsächlich, um gegen die „ruhige Duldung“ zu polemisieren, mit der die meisten unter ihnen diesen Krieg in Vietnam hinnahmen.

Merkwürdig: daß die Intellektuellen zwar Bescheid wüßten, als einzige Bescheid wissen könnten, dennoch aber apathisch blieben – aus Deutschland ist mir kein solcher Vorwurf erinnerlich. Hier hieß es vielmehr: sie – „die Intellektuellen“, „die Schriftsteller“, „die Protestler“, „die Ungewaschenen“ – hätten zwar keine Ahnung, aber regten sich lästigerweise dauernd auf.

Ein wenig hängt es möglicherweise damit zusammen, daß in Deutschland der „Intellektuelle“ nicht so nüchtern und funktional definiert wird wie von Chomsky. Hier spukt noch die schon immer fragwürdige Gegenüberstellung von (edlem) „Geist“ und (böser) „Macht“; wobei schon eine kleine Akzentverschiebung „Geist“ nicht mehr ein Synonym sein läßt für vornehm-überlegene Kontemplation, sondern für unzurechnungsfähige Weltfremdheit.

Geist und Macht: die falsche Alternative verschob sich so zu der Alternative „Querulant“ oder „Fachmann“. Für die Fachleute schienen die anderen nur gegen die amerikanische Intervention in Vietnam zu protestieren, weil sie nichts begriffen von Dominotheorien und Machtzusammenhängen und Staatsräson; und viele der Protestierenden erklärten alles Fachwissen, nur weil die andere Seite so hartnäckig auf das ihre pochte, für suspekt.

Der Hauptunterschied zwischen beiden Seiten, in der Rückschau wird es nun ganz deutlich, lag aber keineswegs im Mehr oder Weniger an Kenntnissen. Die Protestierenden haben es sich gewiß oft sehr leicht gemacht, wenn es ans Unterzeichnen von Resolutionen ging; aber schwer gemacht haben es sich auch die Apologeten des Faktischen nicht gerade immer. Der Unterschied lag in dem, was man aus den Kenntnissen zu machen bereit war.

„Die Intellektuellen“, „die Schriftsteller“, eben die, die jahrelang als die Deppen der Nation galten: sie konnten vielleicht ihre Phantasie nicht hindern, sich die Nachrichtenresümees und die Statistiken des Leidens in die individuelle Wirklichkeit zurückzuübersetzen. Ohne etwa den „Geist“ für sich gepachtet zu haben, unterschieden sie sich einfach dadurch, daß sie nicht umhin konnten, nicht nur nach dem Funktionieren, sondern auch nach der Moral einer Politik zu fragen.

Wie gesagt: die Deppen der Nation, jahrelang – und nun stellt sich heraus, daß sie möglicherweise einfach Recht hatten mit ihrer Weltfremden Einmischerei. Wir drucken in dieser Ausgabe einen Beitrag des Schriftstellers Gerhard Zwerenz, der eben diesen Sachverhalt formuliert – schroff formuliert, aber soll man „Ausgewogenheit“ von denen erwarten, die jahrelang Herablassung und Beschimpfungen bezogen haben? Wir drucken den Aufsatz (eine erweiterte Fassung davon wird Anfang nächsten Jahres in einem Fischer-Taschenbuch von Zwerenz unter dem Titel „Hat es gelohnt, Genossen?“ erscheinen) nicht darum, weil wir Adelbert Weinstein von der FAZ oder Bernt Conrad von der Welt eins auswischen wollten – Zwerenz’ Anfrage betrifft die gesamte Presse, die ZEIT nicht ausgeschlossen. Wir drucken sie, weil es vielleicht in kommenden Umständen der Weltgeschichte von Nutzen sein wird, sich daran zu erinnern, daß im Falle Vietnam die Spinner am Ende gar nicht die Spinner waren.

Dieter E. Zimmer