Die plötzliche Nachricht von Nixons Reise nach Peking schlug in Tokio wie eine Bombe ein. Der Schock sitzt tief. Japan fühlt sich von den Vereinigten Staaten hintergangen. Noch vor zwei Jahren hatte der amerikanische Präsident dem japanischen Premier Eisaku Sato versprochen, die China-Politik beider Staaten regelmäßig aufeinander abzustimmen. Jetzt aber hat Washington es unterlassen, Tokio über Nixons Pläne rechtzeitig zu unterrichten.

„Unsere Beziehungen zu den Vereinigten Staaten sind wichtiger als jene zu allen übrigen Ländern.“ Nach dieser Devise Satos hat sich Japan während zweier Jahrzehnte an die amerikanische China-Politik angelehnt. Als Washington nach dem Eintritt der Volksrepublik China in den Koreakrieg das Regime in Taipeh zur einzig legitimen chinesischen Regierung erklärte, wurde Japan auf eine Anti-Peking-Linie festgelegt: 1951 bestätigte der damalige japanische Ministerpräsident Shigeru Yoshida in einem Brief dem amerikanischen Sonderbotschafter John Foster Dulles, Japan anerkenne nur Nationalchina als rechtmäßigen Teilnehmer auf der Friedenskonferenz in San Franzisko.

Auf Grund dieser eindeutigen Festlegung erhielten die Japaner ihre äußere Souveränität zurück: Der Friedensvertrag von 1952 mit Taiwan gehörte zu einem von den Amerikanern verschnürten Gesamtpaket, das Japan akzeptieren mußte. Gegenüber Tokio verzichtete Tschiang Kai-schek nach dem Zweiten Weltkrieg stellvertretend für ganz China auf jegliche Wiedergutmachungsforderungen. Dafür investierte Japan mittlerweile über 2,5 Milliarden Mark in die wirtschaftliche Entwicklung Taiwans. Es ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß Peking gegenüber Tokio die Aufnahme diplomatischer Beziehungen von Reparationszahlungen abhängig macht: Taiwan konnte nach Auffassung der Volksrepublik nicht für ganz China sprechen.

Die Existenz zweier chinesischer Regierungen hatte Tokio bislang als „innerchinesisches Problem“ zu verdrängen versucht. Doch selbst Premier Sato räumte im Frühjahr zum erstenmal ein, Japans „Ein-China“-Politik entspreche nicht mehr den Realitäten. Eine „Zwei-China“-Lösung jedoch lehnt Peking ebenso scharf ab wie Taiwan.

Hinter der chinesischen Einladung an Nixon steckt eine tiefe Furcht vor den Nachbarn: Die Chinesen sind über die sowjetischen Truppenkonzentrationen an ihrer Grenze ebenso besorgt wie über den japanischen Wirtschaftsriesen, der sich in ihren Augen nun auch noch zur militärischen Macht aufbaut. Sepp Binder