Tschechische Emigranten treffen sich in England

Von Gabriel Laub

Die erste flüchtige Begegnung mit England reicht nur zu der Feststellung, daß dort alles genauso ist, wie man es aus der Lektüre kennt. Big Ben klingt wie immer, die Wachen vor dem Buckingham Palace paradieren als Photomodelle für Amateure aus aller Welt, im George Inn, in dem Dickens an. seinem Pickwick gearbeitet hat, kriegt man Roast Beef mit Yorkshire Pudding, eine Universität liegt in einem Park, ist modern, gemütlich. Nur unsere Schulenglischkenntnisse bewähren sich nicht: Wie lange mußte ich pauken, daß man „ea“ „i“ ausspricht – und jetzt erfahre ich, daß Reading nicht „Rieding“ heißt, sondern „Reding“. Dabei ist die Universität in Reading verhältnismäßig jung – für England natürlich. Ihre ersten Colleges entstanden im Jahre 1892, ihren Universitätsstatus erhielt sie erst 1926.

Die Graduate School of Contemporary European Studies der Universität in Reading hat zusammen mit dem Institute of Soviet and East European Studies der Universität in Glasgow ein Seminar über die tschechoslowakische Reformbewegung organisiert. Rund zwanzig aktive Teilnehmer des Prager Frühlings – tschechoslowakische Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler, Publizisten, Juristen –, die heute im Westen leben, und etwa die gleiche Zahl Osteuropa-Spezialisten von britischen und amerikanischen Universitäten diskutierten eine Woche lang über den Prager Frühling.

Das Seminar wurde von Wissenschaftlern veranstaltet und verfolgte selbstverständlich wissenschaftliche Ziele. Genauso verständlich ist, daß die Organisatoren keine Politik betreiben wollten: So betonten sie noch im Schlußbericht, daß die Veranstaltung nicht dazu gedacht gewesen sei, „noch einmal über das Schicksal der Tschechoslowakei zu klagen und sich über die Invasion der Warschau-Pakt-Staaten zu entrüsten“. Die ausschlaggebenden Bezeichnungen waren: „Analyse“, „nüchtern“, „objektiv“ und „wertvolles Material für Wissenschaftler“. So ging alles sehr akademisch zu; selbst der Meinungsaustausch zwischen Kampfgenossen, die die Ziele der Entwicklung im Jahre 1968 unterschiedlich gesehen hatten, und die unvermeidliche Polemik zwischen marxistischen neuen und nichtmarxistischen alten Emigranten verloren in diesem Rahmen, schon durch das mehr oder minder mühsame Englisch, ihre Leidenschaftlichkeit.

Zuerst war ich schockiert, wie sehr diese Versammlung mit der idyllischen Umgebung kontrastierte. Vertraute Gesichter, die eher in die Umgebung der wissenschaftlichen Konferenzen im tschechischen Liblice oder im slowakischen Smolenice zu passen schienen, zu den Schriftsteller-, Journalisten- und Filmmacherklubs in Prag, sah man mit einemmal in Reading. Antonín J. Liehm („Gespräche an der Moldau“), der führende Publizist der „Literární listiy“, sollte von Oktober 1968 an mein Chef sein – in der Tageszeitung des Schriftstellerverbandes „Lidové noviny“, die man damals wieder herausgeben wollte. Er unterrichtet jetzt Vergleichende Literaturwissenschaft und Film an der City University of New York. Jirí Pelikán,einst Vorsitzender meines Studentenverbandes, dann lange Jahre Generalsekretär und Präsident des Internationalen Studentenverbandes, zuletzt Generaldirektor des Tschechoslowakischen Fernsehens, lebt als Publizist in Rom. Er hat das Protokoll des XIV. Parteitags der KPČ (der heute offiziell zum „illegalen“ Parteitag erklärt wird, weil er die Invasion verurteilt hat) und andere wichtige Dokumente herausgegeben und redigiert die Monatsschrift „Listy“, die „Zeitschrift der tschechoslowakischen sozialistischen Opposition“. Zdenek Hejzlar, einst Vorsitzender des Tschechoslowakischen Jugendverbandes, dann Schulleiter und 1968 Generaldirektor des Tschechoslowakischen Rundfunks, arbeitet als Historiker in Stockholm. Professor Antonin Šnejdárek, ehemaliger Leiter des Instituts für Außenpolitik und Ökonomie in Prag und Spezialist für die deutsch-tschechoslowakischen Beziehungen, ist jetzt Professor an der Sorbonne. Sein früherer Mitarbeiter Dr. Adolf Müller forscht in dem Institut für Ostrecht an der Universität Köln. Der Politologe und Jurist Professor Ivan Bystrina, einst Mitglied des Instituts für Staats- und Rechtswissenschaften der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften und Redakteur der „Literární listy“, unterrichtet Kommunikationstheorie an der Freien Universität Berlin. Der junge Völkerrechtler Dr. Josef Pokštefl, der sich kurz vor Husáks Machtergreifung im Jahre 1969 an der Karlsuniversität in Prag habilitiert hatte, erforscht das Kriegsrecht im Max-Planck-Institut in Heidelberg... Die Professoren Ota Šik (Basel), Eduard Goldstücker (Brighton), Radoslav Selucký (Carleton University, Kanada) konnten nicht kommen.

Eines jedenfalls ist den Sowjetbrüdern in der Tschechoslowakei gelungen – ein Ausverkauf von Köpfen zu Schleuderpreisen.