Von Wolf Donner

Geht man wieder ins Kino? Zumindest in der Stadt. Eine spürbare Fernsehmüdigkeit, das Auslaufen der Pornowelle, ein im Vergleich zu den letzten Jahren besseres Durchschnittsniveau des Filmangebots und vielleicht auch der Trend zum Cafeteria-, Kneipen- oder Treffpunktkino – das alles scheint die „zwei schönen Stunden“ wieder attraktiv zu machen. Viele, vor allem junge Leute wollen von zu Hause weg, unter Menschen, mit Freunden was unternehmen – Kino als Gemeinschaftserlebnis und um mitreden zu können. Wenn ein Film ein paar Wochen läuft, wollen ihn plötzlich alle sehen; lange Laufzeiten und das Schildchen „Ausverkauft“ am Wochenende werden zum Anreiz und zur besten Eigenreklame.

Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ dagegen verdankt seine Erfolge, die jene von „Dr. Schiwago“ und „Vom Winde verweht“ einzuholen scheinen, nicht der Manipulation, nicht der „promotion“, sondern allein dem Votum der Zuschauer. Der erste Anlauf des Films 1969 war schwach; der Verleih hatte das langatmige Werk in großen, auf harte action spezialisierten Häusern gestartet und brach ein. Die Django-Fans waren enttäuscht. Die Kritik entledigte sich des Films mit lapidarer Routine.

Dann aber wurde per Radio und Schallplatte Ennio Morricones schön-schmachtvolle Musik bekannt, und ein zweiter Einsatz in kleinen, intimen Kinos brach plötzlich alle Rekorde. Zur Zeit laufen etwa siebzig Kopien in Deutschland, viele Städte haben sensationelle Dritt- und Viertaufführungen, und im Kölner „Film-Casino“ läuft der zweieinhalb Stunden lange Western nunmehr in der hundertsten Woche.

Die Kinos registrieren Besucher, die sonst nie kommen, dazu auffallend viele Frauen, sogar ältere Damen – und schließlich ein Stammpublikum, das inzwischen alle acht bis zehn Wochen wiederkommt.

Die Filmbranche glaubt das Erfolgsrezept zu kennen: ein gut gemachter Western, noch dazu mit einer tragenden Frauenrolle, hervorragende Stars, viel Witz und Phantasie, schöne Landschaften und eine eingängige Musik – das ist für jeden etwas und in der Mischung für alle gut; die elegische Grundstimmung des Films kommt der gegenwärtigen Neoromantik ohnehin entgegen.

Filme im Geschmack der Zeit und für ein. großes Publikum hat Sergio Leone jedoch schon immer gedreht: zunächst die während der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre populären antiken Monumentalschinken („Der Koloß von Rhodos“, 1961; „Sodom und Gomorrha“, 1962), dann drei der besten und bekanntesten Italowestern („Für eine Handvoll Dollar“, 1964; „Für ein paar Dollar mehr“, 1965; „Zwei glorreiche Halunken“, 1967), und schließlich 1968 die italienisch-amerikanische Produktion „Spiel mir das Lied vom Tod“ mit dem viel schöneren Originaltitel „Once Upon a Time in the West“.