Ein Hauch von Realismus

Frankfurt/ Main

Im "Hessischen Hof" präsentierte am Dienstagabend bei einem Arbeitsessen der designierte Generalsekretär der FDP, Karl-Hermann Flach, einen Walter Scheel, wie ihn keiner kennt: Nicht Scheel den Außenminister, sondern Scheel den Städteplaner. Die überraschten Gäste erfuhren: Die Rettung der Innenstädte ist das innenpolitische Lieblingskind des Außenministers.

Hobby-Städteplaner Scheel glaubt, er habe das Ei des Kolumbus gefunden. Das Elend der verödeten Städtelandschaft will er mit einer Überbauung des Bundesbahngeländes, das die Stadtkerne zerschneidet, beheben.

Die Deutsche Bundesbahn steht dem Scheel-Projekt aufgeschlossen gegenüber. Sie hat 145 geeignete Objekte ausgewählt und zur Überbauung empfohlen. Zu den bekanntesten Planungen gehören ein 19geschossiges Hochhaus in Hamburg-Wedel, ein Parkhaus über dem Bahnhof Hamburg-Altona, ein Geschäftszentrum über dem Bahnhof München-Ost und eine in Frankfurt zu überbauende Fläche von 130 000 Quadratmetern. Dazu Scheel: "Da diese Projekte jedoch fast ausschließlich kommerziellen Zwecken dienen sollen, scheint es an der Zeit, die Überbauung dieser wertvollen Flächen unter zentralen Leitlinien zu steuern, um gemeinnützige Einrichtungen, insbesondere kommunale Dienstleistungsbetriebe und Wohnungen zu erstellen."

Die Leitlinien des Scheel-Projekts sehen folgendes vor: Einen aus drei Etagen bestehenden Sockel mit einer als Parkebene ausgebildeten Tragwerk-Konstruktion, mit einer Serviceebene, die Nahverkehrsmittel aufnehmen kann, und einer Handels- und Dienstleistungsebene. Der Oberbau soll zu siebzig Prozent für Wohnzwecke und zu dreißig Prozent für Büros, Dienstleistung und Handwerk, Sozial- und Gesundheitswesen, Schulen, kulturelle Einrichtungen sowie für Freizeit und Erholung verwendet werden.

Die Finanzierung des Scheel-Projekts ist bis auf die letzte Mark durchgerechnet: "Der Sockel steht in Gemeinschaftseigentum der Kommunen und der Bundesbahn und wird durch mittelfristige Kommunalobligationen finanziert, deren Rückzahlung aus den vermieteten Geschoßflächen erfolgt."

Die Finanzierung des Oberbaues soll so aussehen: Eigenleistungen der Investmentsparer, 25prozentige staatliche Bausparprämie nach den Bestimmungen der allgemeinen Vermögensbildung, Verkauf der obersten Etage als Stockwerkeigentum, Aufnahme von Hypotheken, Mittel für den sozialen Wohnungsbau.

Ein Hauch von Realismus

Die Vermögensbildung stellt Scheel sich so vor: "Um eine möglichst breite Eigentumsstreuung zu gewährleisten, ist vorgesehen, im Zuge der auf 25 Jahren veranschlagten Überbauung des Bundesbahngeländes möglichst jedem Arbeitnehmer die Chance zu geben, unmittelbar Grundeigentümer zu werden und damit sicherzustellen, daß die Masse der Bevölkerung erstmals an der Wertsteigerung von Grund und Boden teilnimmt. Im Zuge eines Sieben-Jahres-Planes werden die interessierten Investment-Sparer aufgefordert, im Rahmen des 624-Mark-Gesetzes in den ersten vier Jahren den vollen Betrag von 624 Mark sowie einer weiteren Eigensparleistung von 176 Mark anzusparen und in den letzten drei Jahren den Betrag von 266 Mark aufzubringen. Zu diesen Eigenleistungen tritt eine durchschnittliche Bausparprämie von 1000 Mark. Der Investment-Sparer .erhält für seine Sparleistungen für je 100 Mark ein Zertifikat. Nach Erfüllung seines Sieben-Jahres-Planes also 40 Zertifikate."

Ein Hauch von Realismus weht durch die Scheel-Visionen: Sein Projekt hat er bereits mit Bundeskanzler Brandt, Verkehrsminister Leber und Wohnungsbauminister Lauritzen vorbesprochen. In Kürze soll sich im Bund eine Studiengruppe etablieren, um zu prüfen, ob Scheelsche Phantasien und die Wirklichkeit vereinbar sind.

Gerhard Ziegler