ARD, Sonntag, 25. Juli: Phantasie über Orlando di Lasso (I)“, von Reinhard Raffalt

Zum Schwenk der Kamera über eine Galerie von finster aus ihren schwarzen Hängern und weißen Halskrausen blickenden Herren gesteht ein Ich-Erzähler: „Vergeblich habe ich versucht, diese Männer im Hören sehend zu machen; heute am Ende meines Lebens weiß ich: Es ist ein Irrtum gewesen. Sie übten nur ihr braves Handwerk; ich aber sah in der Musik das-Spiel der Welt, worin sich die Dinge des Himmels und der Erde bewegen.“

„Ein europäisches Schicksal in der Renaissance“ – sagt der Untertitel dieser Sendung. Lebten die musikalischen Weltendeuter des neunzehnten Jahrhunderts auch schon im sechzehnten?

Ein Degen, ein außerordentlich kostbares Stück vermutlich, der Griff kunstvoll verziert mit Ziselierungen und einer Vielzahl von glitzernden Steinen oder ähnlichem – er gehörte einmal dem Herzog Albrecht V. von Bayern. Von ihm weiß der Ich-Erzähler, daß bei ihm „das Schwert der Gerechtigkeit ruhte in einer Hand, die kräftig war, aber nicht hart. Dennoch (trotz wessen?) gelang es dem Herzog, den Reichtum des Landes an sich zu ziehen wie ein Magnet. Denn hinter dem Prunk, den er liebte, ahnte er eine zweite Wirklichkeit der Welt.“ (Daß der allzu Gerechte 1556 die Jesuiten berief, damit sie auf ihre kräftige und auch wohl harte Art den Protestantismus aus Bayern zurückdrängten, wußte der Ich-Erzähler nicht.)

Eine „Phantasie über Orlando di Lasso“ versprach der Titel der Sendung – was hat das Beschriebene, mit dem Komponisten Orlando di Lasso zu tun?

Ein gläserner Degenkorb (oder war es doch eine Vase?) mit eingeschliffenen allegorischen Darstellungen: „Der gebrechlichste Stoff, durch den Eingriff des Schliffes noch weiter gefährdet, gibt preis, was zwischen Sein und Nichtsein existiert.“ Edelsteine in einem Ring oder einer Kette oder auf einem Gefäß: „Steine, die ihre Farbe der Sonne entlehnen, werden, in Gold gebettet, zu den irdischen Rinnsalen des Glücks. Der kälteste Grad des Feuers ist eingefangen in Saphir, Krönung für einen Becher der Einsicht, aus dem zu trinken niemand erlaubt ist.“

Was haben diese nichtssagenden Wortgespinste, dieser Wust von sich lyrisch dünkendem Textgeklingel mit Orlando di Lasso zu tun, was hatte die ganze Sendung mit ihm zu tun? Was wußte sie über den produktivsten Komponisten des Mittelalters? Nichts. Schlechthin nichts.