Von Erich Gysling

Bern, im Juli

Den Wohlfahrtsstaat finden sie „scheußlich“, die Beteiligung der Schweiz an der europäischen Integration lehnen sie ab, vor einem Beitritt zur UNO warnen, sie mit Nachdruck. Sie bekämpfen den „Ausverkauf der Heimat“, worunter der Grundstückshandel mit Ausländern zu verstehen ist, und sie unterstützen die Bestrebungen von Natur- und Heimatschutz „zur Erhaltung unserer Traditionen und unserer Landschaft“. Selbstverständlich gipfeln ihre Veranstaltungen immerzu in der Forderung, daß die Regierung nun endlich Maßnahmen ergreifen solle, um die Zahl der ausländischen Gastarbeiter zu beschränken, Ihre politischen Richtlinien beginnen mit einer programmatischen Erklärung: „Wir Republikaner sind eine vaterländische Partei und stehen fest verwurzelt auf dem Boden der christlichen Wahrheit.“

Die Republikaner unter Führung des vorläufig noch einzelgängerischen Parlamentariers Dr. James Schwarzenbach sind nicht die einzigen Virtuosen auf dem Instrument des Nationalismus. Rivalisierend steht ihnen die Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat zur Seite, in deren Zeitschrift „Volk und Heimat“ Sätze zu lesen and wie diese: „Bekennen auch Sie Farbe für unsere bedrängte Schweiz. Schon Ihren Kindern zuliebe“ oder: „Wir befinden uns heute wieder in einer staatspolitischen Notlage und haben eine geistige Mobilmachung einzuleiten.“ Und fett gedruckt bekennen die Anhänger der „Nationalen Aktion“: „Nichts gegen Rassen; / aber nicht in Massen / in Helvetiens Gassen / sich niederlassen!“

Vor einem Jahr marschierten die nationalistischen Heimatverteidiger noch geeint. Sie hatten eine sogenannte „Überfremdungsinitiative“ lanciert und erzwangen durch Unterschriftensammlung eine eidgenössische Abstimmung, deren Resultat über das Schicksal eines großen Teils der in der Schweiz arbeitenden Ausländer entscheiden sollte. Die Nationalen unter Schwarzenbachs Banner verlangten eine Reduzierung des Ausländerbestandes auf zehn Prozent der Wohnbevölkerung pro Kanton, was bedeutet hätte, daß rund 300 000 Ausländer (vorwiegend Italiener) aus der Schweiz ausgewiesen worden wären. Die Anhänger der Überfremdungsinitiative unterlagen bei der Abstimmung vom 7. Juni 1970 nur knapp: mit etwa 550 000 gegen rund 650 000 Stimmen errangen sie ansehnliche 46 Prozent.

Das Jahr nach der Abstimmung über die „Schwarzenbach-Initiative“ zeigte, daß nationalistische Denkweisen tatsächlich „festverwurzelt“ sind. Bei vier regionalen Wahlen in der deutschsprachigen Schweiz konnte die „Nationale Aktion“ Erfolge verzeichnen: In Zürich zog sie mit 10 Vertretern ins 180köpfige Kantonsparlament ein, in Zug wurden drei Kandidaten der „Aktion“ in den 40köpfigen Großen Gemeinderat gewählt. Weitere Erfolge verbuchten sie in Basel-Land und in Luzern.

Bei allen vier Wahlgängen zeigte sich eine Akzentverlagerung in der Propaganda. Der Schlachtruf „Italiener raus!“ wurde in den Hintergrund gerückt. Als Hauptgegner wurden die Industrie und das Großkapital aufgebaut. Unterschwellig ließen die Nationalen durchblicken, daß die gesamte schweizerische Politik sich nach dem Gelde richte.