Von Karsten Plog

Der Versuch Ulrike Meinhofs und ihrer Gruppe, in einem Feldzug gegen die Gesellschaft den Weg aus der politischen Isolation in eine bessere Welt zu finden, ist gescheitert. Er mußte scheitern. Darüber können auch die Solidaritätskundgebungen einiger kleiner Politzirkel nicht hinwegtäuschen. Ulrike Meinhof und ihr Partner Andreas Baader, den sie mit Hilfe von Freunden gewaltsam aus der Haft befreite, haben sich in der selbsterbauten und von einer sensationslüsternen Öffentlichkeit grell ausgemalten Scheinwelt verfangen.

Ulrike Meinhof ist an der Diskrepanz zwischen ihrem Anspruch auf Weltveränderung, dem sie auch die anderen Gruppenmitglieder unterwarf, und den tatsächlichen politischen und sozialen Gegebenheiten gescheitert. In der Bundesrepublik besteht nun einmal keine revolutionäre Situation.

Während die Gruppe ihre Aktionen, neben der Gefangenenbefreiung getreu dem Lehrbuch der Tupamaros wahrscheinlich auch Bankraub, als Vorübung für die siegreiche Schlacht einer kommenden Roten Armee versteht, ist sie in Wirklichkeit ein verlorener Haufen.

„Daß sie uns nicht kriegen, das gehört sozusagen zum Erfolg der Geschichte“, verkündete die Meinhof noch im vergangenen Jahr im Spiegel. Inzwischen sind viele Mitglieder ihrer Gruppe verhaftet. Der Rest ist unfähig zu politischer Aktivität und vollauf damit beschäftigt, sich der Fahndung zu entziehen. Für Petra Schelm wurde der Gruppenappell, notfalls „bis zum Tode“ zu kämpfen, bittere Wirklichkeit.

Ulrike Meinhofs Verzweiflung angesichts der Kinder in den Erziehungsheimen und deren Elend, das sie nicht ändern konnte, ist verständlich. Aber daraus allein läßt sich ihr Entschluß zur Revolte nicht erklären. Er entspringt offenbar einer ganzen Serie von Verzweiflungserlebnissen, die sie nicht verkraften konnte – angefangen mit den wirkungslosen Ostermärschen über den Bruch mit der Konkret-Redaktion, einer kurzen Lehrtätigkeit an der Freien Universität Berlin, der Mitarbeit in den politisch linksstehenden Gruppen Berlins und schließlich dem gescheiterten Versuch individueller Sozialhilfe.

In einem Papier, das die „Rote Front Fraktion“ im Frühjahr 1971 herausgab, begründet Ulrike Meinhof, warum sie schießen läßt: Die Gewalt sei „die Konsequenz aus der längst vollzogenen Negation der parlamentarischen Demokratie durch ihre Repräsentanten selbst“. Es gehe um „die Bereitschaft, mit den Mitteln zu kämpfen, die das System für sich selbst bereitgestellt“ habe, um seine Gegner auszuschalten. Allerdings soll der bewaffnete Kampf nur stattfinden, „insofern es die Polizei ist, die rücksichtslos von der Waffe Gebrauch macht“. Aber Ulrike Meinhof mußte wissen, daß es bei der Auseinandersetzung zwischen Polizei und einem bewaffneten Untergrund zu Schießereien kommen mußte.