Goldfinger am Schraubstock

Von Dietmar Merten

Daß die Moritat vom fröhlichen Handwerksburschen endgültig in die historische Mottenkiste gehört, hat sich herumgesprochen. Das gilt nicht unbedingt für das Klagelied vom existenzbedrohten Handwerk, das noch mancherorts gesungen wird. Der Boden, auf dem das Handwerk steht, ist zwar nicht aus purem Gold. Doch an manchen Stellen schimmert der sprichwörtliche Glanz dennoch durch. Dem Handwerk ein nahes Ende zu prophezeien, wäre jedenfalls eine eindeutige Fehlprognose.

Kaum ein Wirtschaftszweig hat in einem solchen Ausmaß von der Industrialisierung Westdeutschlands nach dem Krieg profitiert wie das Handwerk. Das läßt sich etwa an den Umsätzen nachweisen: Während die Industrie in den vergangenen zehn Jahren einen Zuwachs von 160 Prozent erzielte, verweist das Handwerk auf ein Plus von 100 Prozent (Gesamtumsatz 1970: 180 Milliarden Mark). Der Beitrag zum Bruttosozialprodukt lag 1955 bei 9,9 Prozent, wo er heute etwa wieder angelangt ist.

Bei dieser Rate wird es nach den vorliegenden Prognosen vorerst bleiben. Und Handwerksarbeit ist gefragter als je zuvor in den letzten hundert Jahren: 1895 nämlich waren nur 45 von tausend Deutschen im Handwerk beschäftigt, 1926 aber schon 60, jetzt sind es immerhin 75.

Solche Zahlen können jedoch nicht verbergen, daß einzelne Zweige des Handwerks schrumpfen und der Industrie weichen: zum Beispiel Bäckereien den Brotfabriken, Metzgereien den Fleischfabriken. Andere Gewerbearten werden dafür immer wichtiger. Das gilt insbesondere für die Metallhandwerke.

Gerade bei den Metallberufen sprechen zwei Tendenzen für das Handwerk. Auf der einen Seite haben sich einschlägige Handwerksbetriebe einen unbestrittenen und von der Industrie sorglich gepflegten Platz als Zulieferer von Einzelstücken hoher Qualität und von Kleinserien erobert.

Andererseits ist das Handwerk als Reparaturgewerbe unentbehrlich. Innerhalb dieser Betätigungen werden sich mit dem Aufstieg der "Wegwerfindustrie" zwar Veränderungen ergeben. Am Prinzip aber dürfte sich in absehbarer Zeit nichts ändern: Daß Industrie und Handwerk Partner sind, ist heute kein Schlagwort mehr.

Goldfinger am Schraubstock

Was im Handwerk verdient wird, ist nur schwer zu sagen. Eine präzise Antwort ist ohne Bruch des Steuergeheimnisses nicht möglich. Denn aussagekräftige Einkommenstatistiken für selbständige Handwerker gibt es nicht. Deshalb muß der Hinweis genügen, daß in der Handwerksrolle unbekannte Flickschuster ebenso eingetragen sind wie Prominentenschneider, . gutgestellte Werkzeugmacher ebenso wie Hinterhof-Reparaturwerkstätten.

Mit anderen Worten: Im Handwerk wird teilweise klotzig verdient, teilweise aber nur eben der Lebensunterhalt für die Familie erwirtschaftet. Handwerkliche Randexistenzen treten jedoch mehr und mehr in den Hintergrund. Die Betriebe werden ständig größer, die kleinen verschwinden.

Für unselbständige Handwerker läßt sich die Einkommensfrage eher beantworten: Es dürften kaum Unterschiede zur Industrie bestehen. Die Löhne für Handwerksgesellen und handwerkliche Arbeiter sind praktisch identisch mit den Industrielöhnen, mit allen Differenzierungen zwischen den einzelnen Sparten.

Dennoch hat das Handwerk noch größere Personalsorgen als die Industrie. Der Mangel an Nachwuchs ist sogar das entscheidende Problem. Gerade weil die individuelle Leistung die Grundlage des Handwerks bildet, ist ihm mit einer Zufuhr ungelernter Arbeiter nicht gedient. Seit Jahren hapert es nicht nur mit der Zahl der Lehrlinge, noch mehr wird deren Qualität bemängelt. Von Kammerpräsidenten kann man die Klage ebenso hören wie von biederen Meistern: "Wir kriegen nur die, bei denen es für eine höhere Schule nicht reicht."

So versucht man, mit materiellen Anreizen nachzuhelfen. Lehrlinge im dritten Lehrjahr bekommen etwa schon 80 Prozent des Gesellenlohnes, was immerhin mehr als 800 Mark im Monat sein können. Oder es wird hemmungslos abgeworben.

Ein mittlerer Handwerksbetrieb, der die Reifenindustrie mit Qualitätsgußformen versorgt, verlor zum Beispiel seine drei Fachkräfte an eine Installationsfirma. Die drei Werkzeugmacher verstanden zwar kaum etwas vom Verlegen von Rohren und Kabeln, doch sie erlagen der Versuchung, ihre unzureichenden Fähigkeiten mit mehr als elf Mark je Stunde vergütet zu sehen.

Andererseits hatte es ein junger Handwerksmeister noch nie so leicht wie heute, sich selbständig zu machen. Selbst Kapitalmangel ist kein unüberwindliches Problem mehr. Wer nur einen Malereibetrieb aufmachen will, braucht ohnehin nicht mehr als einige tausend Mark zu investieren. Doch selbst für die Eröffnung einer Kfz-Reparaturwerkstatt mit elektronischen Prüfanlagen im Wert von 100 000 Mark und mehr gibt es ausreichend Mittel: von der Industrie oder aus einem der zahlreichen Gewerbeförderungsprogramme.

Goldfinger am Schraubstock

Das Handwerk selbst hat zudem seine Kreditgarantiegemeinschaften, die den Nachweis von nur einem Viertel Eigenkapital verlangen. Mit Hilfe von Bausparverträgen und anderen Ersparnissen läßt sich die benötigte Summe in der Regel während der ersten fünf bis zehn unselbständigen Berufsjahre aufbringen.

Selbst die unbedingt erforderliche Weiterbildung während der Gesellenjahre und die Vorbereitung auf die Meisterprüfung braucht heute nicht mehr mit dem Verzicht auf Lebensstandard erkauft zu werden. Der Besuch einer Meisterschule beispielsweise wird von der Bundesanstalt für Arbeit gefördert. Ein lediger Schüler kann während der zweisemestrigen Schulzeit mit monatlichen Beihilfen von 900 bis etwa 1200 Mark rechnen. Für Verheiratete gibt es noch einige Hunderter mehr.

Nach Abschluß dieser Ausbildung stehen dem Handwerksmeister viele Wege offen. Er kann sich selbständig machen, zunächst als Inhaber eines Einmannbetriebes. Erfahrungsgemäß lassen sich solche Kleinbetriebe in verhältnismäßig kurzer Zeit zu soliden Mittelunternehmen mit zehn, zwanzig und mehr Beschäftigten ausbauen. Der Durchschnittsumsatz der westdeutschen Handwerksunternehmen liegt immerhin schon bei nahezu 300 000 Mark (1950: 50 000 Mark).

Wer sich für eine ruhigere, risikoärmere und weniger hektische Tätigkeit entscheidet, wird in der Industrie mit offenen Armen aufgenommen. Als Werkmeister oder Betriebsleiter muß ein Handwerker aber seine finanziellen Ansprüche im Vergleich zu selbständigen Kollegen eventuell etwas zurückschrauben.

Daneben gibt es noch einen dritten Karriereweg. Er führt über eine Handwerkslehre bis zum Akademiker. In diesem Fall stehen nach der Gesellenprüfung Fachoberschulen und Fachhochschulen offen. Berufsziele können zum Beispiel, der Diplomingenieur, der Architekt oder auch die Laufbahn eines Gewerbestudienrates sein. In einer Zeit, in der umstritten bleibt, wie weit sich die Investitionen für den klassischen Weg zum Akademiker auszahlen, scheint das eine überlegenswerte Alternative.