Ausgerechnet in der Woche, in der Labour-Parteichef Harold Wilson seine Opposition zum EWG-Beitritt erstmals offen erklärte, erschienen auch seine Memoiren. Darin lobt sich der ehemalige Labour-Premier auf Seite 390 dafür, daß er im Mai 1967 für sein Brüsseler Aufnahmegesuch mit 488 zu 62 Stimmen die größte Unterhausmehrheit seit nahezu 100 Jahren erhalten hat.

Es versteht sich von selbst, daß der Berufsakrobat heute keine totale Kehrtwendung macht – es wäre ja schon die dritte in nur vier Jahren. Wilson ist immer noch „Europäer“; nur unter den von Geofrey Rippen und der Tory-Regierung ausgehandelten Bedingungen will man dem Sechser-Club nicht beitreten. Auf vier Punkte konzentriert er seine Kritik. Und jeder, so erklirte er auf dem Sonderparteitag der Labour-Partei, wäre für seine Administration zum breaking point

geworden.

  • Die Beitrittskosten seien viel höher, als die Regierung in ihrem Weißbuch zugeben will (100 bis 200 Millionen Pfund als Beitrag zum Budget, fünf bis 50 Millionen Pfund für die Verteuerung der Lebensmittelimporte).
  • In den Sterling und Kapitaltransfer berührenden Bereiche! habe Rippon „alle Schutzmaßnahmen weg verhandelt“ und „unsere Reserven großen Gefahren ausgesetzt“.
  • Für Neuseeland hätte er sich selbst, nicht mit drei- oder fünfjährigen Garantien zufrieden gegeben, sondern Sicherheiten über mindestens eine Generation hinaus verlangt.
  • Auch die Interessen der Zuckerproduzenten der Commonwealth-Länder seien nicht zufriedenstellend gewahrt worden.

„Äußerst unverantwortlich“ sei es von einigen seiner Kollegen, wenn sie behaupteten, eine Labour-Regierung hätte alle diese Bedingungen akzeptiert. George Thomson, sein ehemaliger EWG-Unterhändler, die Ex-Außenminister George Brown und Michael Stewart sowie Roy Jenkins sind die begossenen Pudel.

Aber der ehemalige Schatzkanzler Jenkins schoß zurück: Beitrittskosten und Vorteile lassen sich nicht genauer berechnen; Frankreich könne seine Devisen trotz EWG weiterhin bewirtschaften: Neuseeland habe sich auf den Handel so befriedigend erklärt wie die Zuckerproduzenten, und auf die „lieben Verwandten und Bekannten“ im Commonwealth nehme man ohnehin zuviel Rücksicht. Während seiner Amtszeit als Schatzkanzler, so Jenkins, hätten gerade die „Freunde“ aus Australien am stärksten am Sterling gerüttelt.

„Die Bedingungen sind nicht ideal, aber mir erscheinen sie akzeptabel“, betonte Jenkins vor dem Unterhaus. „Meine Überzeugungen sind so stark wie jemals zuvor und werden, durch die Bedingungen nicht beeinträchtigt.“ Der frühere Labour-Außenminister Lord George Brown bestätigte, daß die von der konservativen Regierung ausgehandelten Bedingungen für den britischen EWG-Beitritt nicht wesentlich von dem abweichen, was die damalige Labour-Regierung erhoffte, als sie den Beitrittsantrag stellte.

Wilsons Alibi ist, wenn nicht zerstört, so doch erschüttert. Es wäre wohl besser gewesen, heißt es im Regierungslager, einzugestehen so handeln zu müssen, wenn er den linken Flügel und die Gewerkschaften bei der Parteistange halten wolle. Unklug nämlich ist es, so schreibt die Sunday Times, „alle Leute die ganze Zeit als Trottel zu betrachten“. fcw