Von Marietta Riederer

Eins rauf“ für die Alta Moda, Italiens Haute Couture. Dank der Vorarbeiten der Moda pronta, auf Französisch Prêt-à-porter, läuft als roter Faden endlich wieder ein gemeinsamer Trend durch die italienische Mode für den Winter 71/72. Rom sagt finito zur „Kindergarten- und Pop-Mode“. Jetzt ist „College-Mode“ Trumpf. Als Maskottchen: Englands Eton-boy. Als Souvenir: Amerikas Collegemode der dreißiger Jahre mit Collegehut oder Baskenmütze über langen Haaren, die wieder zur Innenrolle frisiert werden. Sportliche Schuhe haben dicke Kreppsohlen, dazu gestrickte Söckchen, darüber Faltenröcke und Sweater. Hemdblusen mit Krawatten oder Schleifen sowie Westen und lange gerade geschnittene Hosen sind ebenso adrett wie jene der Eton-boys. Aber auch Marlene Dietrichs weite Deauville-Hosen der dreißiger Jahre und die Mode der Olympischen Spiele 1936 sind mit im Spiel.

So stehen eine Menge Einzelteile zur Verfügung, die beliebig kombiniert werden können. Amerikas Sammelbegriff hierfür heißt „casuals“. „Zufälliges“ zusammenwürfeln und heute in der Mode als „Endgültiges“ zu bestimmen, bedeutet, daß ein Tagesanzug mindestens vierteilig ist, und das ohne Accessoires. Dabei fehlt das Tageskleid. Es paßt nicht mehr ins Programm. Seit das „Schnittkleid“ als passé gilt, bleiben nur mehr Hemdblusenkleider übrig (Klassiker jetzt), mit Plissee- und Faltenröcken. Ein Comeback erlebt das „kleine Schwarze“, das mit Smoking- oder Blazerjacken auftritt, hinzu kommen einige Variationen der „Teekleider“ aus den dreißiger Jahren mit langen Ärmeln, kleinen Ausschnitten und einem Rückenschlitz, der bis zur Taille reicht.

Sieger rund um die Uhr aber ist der Hosenanzug. Legionen scharzer Hosenanzüge mit farbigen Blusen, Pullis, Westen, Paletots oder Capes mit und ohne Pelzbesatz liefen über die Laufstege. Zu ihrem bedeutend erweiterten Hosenschnitt passen wieder Schuhe mit hohen, aber breiten Absätzen. Nur für die Diskothek- und Abendmode findet man „Rita-Hayworth-Sex“ mit Badeanzug-Dekolletes und sehr weiten, schräg geschnittenen Röcken.

Man kann auch schlicht sagen: die neue Mode ist wieder sportlich-elegant geworden. „Weg von der Folklore“, weg vom „schlechten Geschmack der Schludermode“, das sind die Leitmotive der Alta Moda, hinter deren Rücken – bedenklich nahe – der freche Chic, der wegweisende Trend die Moda pronto steht. Also ist es ratsam, wenn die Alta Moda brutale Farbzusammenstellungen meidet, auch wenn ein hartes Feuerrot, ein grelles Grün mit Schwarz finanzielle Prämien der Stoffhersteller einbringen. Die Aufgabe des Modeschöpfers ist, Farben nach seinem „feeling“ zu wählen und die Kollektion so zu gestalten, daß man ihrem Auftritt gutgelaunt „Hallo, Lady“ zurufen möchte. Nur dann ist sie Haute Couture von heute. Aber das geringste Gefühl von „Gnädigste, wie geht’s?“ – und die Kollektion ist veraltet, gehört in die Rubrik „Salon für Stammkundinnen“.

Silvano Malte, Designer bei Antonelli, hat das verstanden. Hier lief die „jüngste“ Couture-Schau von Rom. Zu allen Hosenanzügen mit taillennahen langen Jacken gehören schwarzweiß oder rot-weiß gewürfelte Westover mit reinseidenen weißen Blusen. Krawatten und Schleifen werden, schon vorgebunden, mit einem Gummiband unter den Blusenkragen geknöpft. Der schwarze Collegehut geht durch die ganze Kollektion. Weitere, meist kragenlose Mäntel, um Hemd und Krawatte zu zeigen, werden à la Trenchcoat zugebunden oder fallen lose schwingend. Sie bedecken das Knie. Glockige Trägerröcke, immer zu Krawattenblusen, sind jedoch gut kniefrei. Die Girls in karierten Hemdblusenkleidern mit plissierten Röcken zu knappen schwarzen Spenzerjacken, stecken den Arm lässig in einen Muff.

Alle Strümpfe waren schwarz. Für den Tag dicht, für den Abend hauchdünn, haben sie wieder eine Ziernaht und verstärkte Zwickelfersen. Das gilt übrigens für alle römischen Couturehäuser. Gemeinsam ist auch die Vorliebe für Karo-Schotten-Rauten und Schachbrettmuster. Auf Antonellis langen schwarzen Crepekleidern laufen breite wellige Bänder, die ganz mit mosaikartigen Würfeln in Regenbogenfarben ausgefüllt sind. Hier erschienen auch die ersten langen „Romantikkleider“ aus reinseidenem Papiertaft mit brillanten Schottenmustern. Schürzen daraus mit Volantflügeln an den Trägern gehören dazu. Taftschotten feiern ein Comeback, plötzlich tauchen sie in allen führenden Kollektionen auf.