Canon Wi Huata ist vom Stamm der Maoris und dient seiner Königin als Kaplan. Wenn er tanzt und den Speer auf imaginäre Gegner stößt, dann glaubt man gern, daß das Böse in jederlei Gestalt bei ihm keine Chance hat. Zur Zeit tanzt Canon Wi Huata in Caux. Er empfängt Delegationen, die jetzt aus aller Welt ins „Mountain House“ kommen, um des Tages zu gedenken, an dem Frank Buchmann vor 25 Jahren das idyllische Fleckchen Caux oberhalb Montreux am Genfer See für die „Moralische Aufrüstung“ eroberte.

Ehe Canon Wi Huata hier im „heiligen Vorhof der Armee Gottes,, (so seine Worte) eintraf, hatte er bereits ein moralisches Erlebnis. Umgeben von rund 120 Mitstreitern aus Australien, Papua, Neu-Guinea, Hongkong, Singapur, Malaysien, Indien und dem Iran, steuerte er mit einer Sondermaschine in Richtung Genf, als er unter sich die Konturen Italiens wahrnahm. Der Monte Cassino kam ihm in den Sinn, wo er mit dem 28. Neuseeland-Bataillon gegen die Deutschen gekämpft hatte. Die Einheit gilt heute als eine der höchst dekorierten des Commonwealth, um den Preis, daß die Deutschen „fast alle Maoris abschlachteten“. Natürlich liebte er sie dafür nicht. Das aber war – so erkannte der Reisende noch in der Luft – falsch.

In Caux angekommen, zog Canon Wi Huata Konsequenzen. Er stellte sich vor die tausend Teilnehmer des Eröffnungsmeetings und erklärte: „Ich möchte mich bei allen anwesenden Deutschen für meinen Haß und für meine Verbitterung ihnen gegenüber entschuldigen. Jetzt bin ich hier in Caux mit einer internationalen Armee, nicht um für Europa zu sterben, sondern für es zu leben. Ich möchte zurückgehen, um ein neues Neuseeland-Bataillon zu rekrutieren, das auf den vier Maßstäben der Ehrlichkeit, Reinheit, Selbstlosigkeit und Liebe aufgebaut ist.“ Und weil er ja ein Pfarrer ist, fügte der Maori noch hinzu: „Ich stehe hier als ein armer Sünder. Gott segne Euch.“

Das war, ob ideologisch oder formal, historisch oder taktisch betrachtet, eine derart gelungene Demonstration der Essenz der Moralischen Aufrüstung, daß der Vorsitzende der Versammlung eine Schweigeminute für angemessen hielt. In Caux ändert man sich zuerst selbst, ehe man an die Änderung der Verhältnisse geht. Man glaubt an absolute moralische Maßstäbe. Man ist demutig, dies jedoch auf frohgemute Weise und nicht ohne Militanz. Man streitet für den Frieden in den Familien und zwischen den Rassen und Völkern.

Als der ehemalige lutherische Geistliche Frank Buchman mit seiner 1938 gegründeten Bewegung.1946 nach Caux kam, war eines seiner wesentlichen Ziele die Aussöhnung Deutschlands mit seinen Kriegsgegnern. „Ihr könnt Europa nicht wiederaufbauen ohne Deutschland“, ist eines seiner viel zitierten Worte. Eine Gruppe von Schweizer Bürgern sammelte Geld und schenkte ihm das Caux-Palace-Hotel. Sie sahen es als eine „gottgegebene Aufgabe“ an, in ihrem vom Kriege verschonten Land eine Stätte der Begegnung und inneren Erneuerung zu schaffen.

Die Schweizer sind heute noch stolz auf diese Tat, und sie sind opferbereit wie 1946. Caux lebt von Geldspenden, Naturalien und freiwilligen Dienstleistungen. Hausfrauen aus den umliegenden Kantonen putzen die Zimmer, machen Betten, pflegen die dreitausend Leintücher, die ebenfalls gespendet wurden. Obst und Gemüse kommen von den Bauern aus dem Wallis. Manche verkaufen Grundstücke, Wertpapiere und Schmuck, um Caux, auf das Touristikunternehmen schon längst hungrige Blicke werfen, am Leben zu erhalten. „Caux war und ist, was Gott wünscht“, erklärt Dorsi Hahnloser, die Frau des Mannes, der 1946 den Löwenanteil gespendet hatte, vor der Jubiläumsversammlung,

Als Buchman noch lebte, war die Moralische Aufrüstung nicht zuletzt eine antikommunistische Veranstaltung. „Es kommt eine Welt, die links geht“, sagte er. Damals freute man sich, wenn man wieder einmal ein paar kommunistische Funktionäre bekehrt hatte. Heute ist die antikommunistische Komponente offenbar in den Hintergrund getreten. Hans Korner, ein Schweizer Bundesrichter, urteilte: „Die Moralische Aufrüstung ist eine Kampfansage an jede Form der Unreinheit, Unehrlichkeit, Selbstsucht und Korruption im persönlichen, nationalen oder wirtschaftlichen Leben. Wir müssen diesen Kampf gewinnen, wenn die Humanität nicht in die Barbarei zurücksinken soll.“