London, im Juli

Er steht noch nicht im Brockhaus und nicht im "Who is who". Als er 1955 das erste Mal maltesischer Premierminister wurde, war seine Insel britisches Empire-Hinterland. Es gab keine sowjetischen Unterseeboote im Mittelmeer, Oberst Nasser hatte den Suez-Handstreich noch vor sich, und die Franzosen besaßen noch halb Nordafrika. Daß ein 39jähriger Heißsporn drei Jahre lang eine fest zu London stehende Insel regierte und dann in einer der zahlreichen Verfassungswirren zurücktreten mußte, schien ihn nicht für die Lexika zu qualifizieren. Dominic Mintoff blieb ein kleiner südeuropäischer Labourführer, mit dem sich durchreisende Journalisten gern unterhielten, weil er haarsträubende Geschichten zu erzählen wußte über das segenlose Verscharren verstorbener maltesischer Sozialisten hinter der Friedhofsmauer. Er schickte auch gleich einen seiner ihn anbetenden jungen Leute mit, wenn sich die Journalisten die "Gräber", mit bloßen Nummern auf kleiner Steinplatte bezeichnet, ansehen wollten. Sie kletterten dann in der Abenddämmerung über die Zäune und sahen die letzten Ruhestätten dieser Märtyrer des Unglaubens.

Besuchten die Journalisten anderntags den Erzbischof, Monsignore Michael Gonzi, den sie sich nach Mintoffs Schilderungen vorstellen mußten. wie den Großinquisitor in der Oper Don Carlos, so trafen sie einen kleinen Herrn, drei Jahrzehnte älter als der Labourchef, aber von ähnlich giftiger Zunge. Als junger Prälat und als Senatsmitglied von Malta hatte Gonzi innerhalb der Kirche ziemlich weit links gestanden. Davon war nichts geblieben, und so haßte er Mintoff, wie der Apostel Paulus, der Schutzheilige Maltas, den Leibhaftigen gehaßt haben muß. Mintoff wiederum verachtete den Renegaten, und wäre es manchmal nicht selbst dem Vatikan zuviel geworden, Gonzi hätte exorzistische Riten wiederbelebt, um die Sozialistenbrut von der Insel zu treiben. "Warum stimmst du gegen mich?", fragten kleine Zettel unter den zahllosen Kruzifixen Maltas im Wahlkampf von 1966, und viele der 350 000 Inselbewohner entschieden sich im Konflikt der Loyalitäten gegen Mintoff und für Christus, dessen katholische Würdenträger es kurz zuvor erreicht hatten, daß die römische Kirche in der Verfassung des Landes zur Staatskirche erhoben worden war.

Solange dieser erbitterte interne Zwist anhielt, hatte die maltesische Labour Party keine Chance auf eine Mehrheit. Wer für sie stimmte und in ihr arbeitete, war automatisch exkommuniziert. Wer die Zeitung der MLP druckte, vertrieb, verkaufte oder las, brachte sich ebenfalls um den ewigen Seelenfrieden. In Europa und in der Mitte der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts war das schon ein starkes Stück. Mintoff, der Architekt mit der Oxford-Ausbildung, wurde in diesen Jahren zum Fanatiker. Etwas, wenn auch nicht viel brüderliche Hilfe kam von außen. Stolz zeigte er dem deutschen Besucher die Setzmaschinen, die die Genossen aus Bielefeld zur Verfügung gestellt hatten.

Was die Engländer anging, so waren sie keineswegs zu allen Zeiten auf Seiten von Mintoffs Gegnern. Der Friedhofsgeist in Glaubensdingen, der aus dem Gonzischen Palast wehte, war ihnen stets zuwider, so wie auch umgekehrt der Erzbischof antibritisches Kapital aus der Protestantenfurcht seiner Schäfchen schlug. Wenn am 1. Mai die Labour Party und die Gewerkschaften mit Wagenkavalkaden im Stil des Kölner Karnevals den Tag der Arbeit begingen, der geliebte "Dom" auf dem höchsten Gefährt blumenumkränzt obenauf, dann veranstaltete zur selben Zeit Erzbischof Gonzi auf den Stufen der Kathedrale das große Weihespiel zu Ehren des heiligen Joseph, des Arbeiters, wobei er herbeigebrachtes Handwerkzeug sowie Pflüge und Eggen segnete.

Die eigentliche politische Mehrheitspartei der letzten neun Jahre, die der Nationalisten des Dr. Giorgio Borg Olivier, spielte zwischen der mittelalterlich aufgezogenen, persönlich gefärbten Fehde Gonzis mit Dom Mintoff eine seltsam unwichtige Rolle.

Es war denn auch nicht die Wahl vom letzten Monat, die das Geschick Maltas geändert hat, sondern der Friedensschluß, den der 84jährige Gonzi auf Druck des Vatikans 1969 mit Mintoff und seiner Partei schloß. Der Sozialistenführer schluckte seinen Zorn über die Verfassungsgarantien für die katholische Kirche hinunter. Dafür wurde der drohende Finger der Kurie gegen die Mitglieder, Wähler und Sympathisanten der MLP zurückgezogen. Damit war im Grunde das Schicksal Borg Oliviers besiegelt: Mintoff und Gonzi hatten das Wahlresultat vorweggenommen. Alle fünf neugeschaffenen Wahlkreise fielen an die Sozialisten, die nun 28 statt 23 Abgeordnete in das auf 55 Sitze erweiterte Parlament schickten. Die Nationalisten behielten ihre 27 Sitze; Mit seiner einen Stimme Mehrheit wird Mintoff bis 1976 regieren können.

Seit Mintoffs Wahlsieg bangt das Londoner Kabinett, ob es seine Soldaten auf den Wink eines Mannes abziehen muß, dessen Vater bei der britischen Marine diente und der es niemals gewagt hätte, einen Verteidigungsminister ihrer Majestät noch aus der startbereiten Maschine in Richtung Malta wieder auszuladen. Mintoff hat jedoch in den dreizehn Jahren des Wartens auf die Rückkehr zur Macht noch ganz andere Rechnungen gesammelt. Sie wurden beglichen mit einem Furor, mit dem verglichen Harold Wilsons berühmte "hundert dynamische Tage" eine müde Prozession waren.

Von Maltas sechs Botschaftern feuerte er die fünf wichtigsten: die in London, Washington, Brüssel, Rom und Tripolis. Nur der in Australien durfte bleiben. Der ihm verhaßte Polizeipräsident von Malta wurde abgesetzt, der britische Generalgouverneur mußte "freiwillig" den Abschied nehmen, und durch die erzwungene Abreise des italienischen Nato-Admirals Gino Birindelli schlug Mintoff gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Er gab zu erkenne, daß er die vertraglich nirgendwo festgelegte Anwesenheit eines Hauptquartiers der Nordatlantik-Organisation für illegal und erst einmal beendet hielt, und er traf in Birindelli das an der italienischen Kultur ausgerichtete maltesische Establishment. Die große Gesichtswende der Insel war eingeleitet. Künftig, so ließ Mintoff durchblicken, werde ein Mann wie Oberst Gaddafi aus Libyen, also aus einem – wie Malta – arabischen Lande willkommenen sein als die Herren aus London, die Flugzeugträger der sechsten US-Flotte oder die Kommandanten roter U-Boote.

Das Gerede von Malta als einem europäischen Kuba ist natürlich absurd. Mintoff selbst hat dafür die Formel geprägt, Malta sei nicht Jalta. Im Wahlprogramm der Labour Party, von Mintoff selbst geschrieben und in zahlreichen seiner energischen und bejubelten Wahlreden verkündet, hieß es, der Hafen der Insel stehe jedem zur Verfügung, der sicherstellen könne, daß Malta wirtschaftlich lebensfähig sei.

Nun, die Briten waren bisher überzeugt, das treffe auf niemanden zu wie auf sie. Das zehnjährige Verteidigungsabkommen von 1964 sah und sieht pro Jahr fünf Millionen Pfund an direkten Zahlungen vor. Die jetzt noch dort stationierten rund dreitausend Soldaten und ihre Angehörigen steuern weitere 15 Millionen pro Jahr an Ausgaben bei. 3000 Briten haben sich auf Malta niedergelassen, auf der Flucht in ein Steuerparadies, das ihnen nicht nur bloß ein Siebzehntel dessen abnimmt, was der Londoner Fiskus verlangt, sondern auch gnädig darauf verzichtet hat, diese minimale Summe in Dezimalangaben auszudrücken, denn diese Neuerung hat Malta noch nicht erreicht. Verbilligte Flüge bringen zudem britische Touristen in großer Zahl.

Will also Mintoff nichts weiter als mehr Geld? Er möchte Malta sozial aufforsten, und da gibt es viele Bedürfnisse. Was der Flughafen Luga und der Hafen La Valetta im Zeitalter der Langstreckenaufklärer militärisch noch wert sind, darüber streiten die Experten; schließlich ist Sizilien nicht weit. Aber politisch wäre die Preisgabe eines solchen Stützpunktes ein Schlag ins Gesicht der Nato. In Rom und weiter nördlich sehen die Besorgten den Obristen Gaddafi schon auf dem Vormarsch wie weiland Hannibal. Andererseits ist es denkbar, daß in einem späteren Verhandlungsstadium zwischen Mintoff und den Briten eine Zweckallianz geschlossen wird, die aus der Nato Geld für die britischen Lasten herausholen könnte. Schließlich hat der Westen so lange über die sowjetischen Sehrohre in den blauen Fluten des Mittelmeers gezetert, daß er sich deren Kontrolle etwas kosten lassen muß.

Mintoff ist nicht antibritisch. Wie alle seine Landsleute trägt er korporativ das "Victoria Cross" für tapferes Durchhalten im deutschen Bombenhagel. Er hat sogar die Tochter eines englischen Admirals geheiratet, und eine seiner beiden Töchter, die in Exeter studiert und gerade einen Engländer ehelichte, bezeichnet sich selbst zwar als "viel weiter links als Vati", findet aber die britischen Privatschulen vorbildlich. Dom Mintoff ist eben erst Malteser und dann Commonwealth-Bürger und dann noch lange kein Brite. Die Regierung in London hat diesen Unterschied zwar inzwischen bei den Völkern östlich von Suez begriffen; nun muß sie auch das neue Identitätsbewußtsein der Völker westlich von Suez verstehen lernen.