Niemand mag gegenwärtig gern Mutmaßungen darüber anstellen, wie die Konjunktur weiterlaufen wird. Bankiers, Industrielle, Politiker wie Konjunkturforscher sehen sich verunsichert, weil in den letzten zwölf Monaten zu oft falsche Prognosen gestellt worden waren. Fast alle hatten spätestens für das Frühjahr eine spürbare Abschwächung der wirtschaftlichen Aktivitäten erwartet – aber bis zur Jahresmitte ist der Zuwachs bei Produktion und Auftragseingang überraschend hoch geblieben.

Allmählich scheint sich nun aber doch eine Tendenzwende abzuzeichnen. Das Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung hat festgestellt, daß der Auftragsbestand in der verarbeitenden Industrie zurückgeht. Im März hatten die Aufträge noch für eine Produktion von 3.3 Monaten, im Juni nur noch, für 3,1 Monate ausgereicht. Immer, mehr Unternehmen bezeichnen die vorhandenen Produktionskapazitäten als „zu groß“, im Tiefbau ist man schon für die kommenden Monate ausgesprochen pessimistisch.

Für die zweite Hälfte dieses Jahres rechnet das Münchner Ifo-Institut nur, noch mit einem geringen Wachstum der Produktion. Der wichtigste Grund dafür sei, daß die Nachfrage der privaten Haushalte nur langsam zunimmt, weil die Lohnerhöhungen geringer ausfallen und gleichzeitig die Sparneigung größer wird. In der Tat ist festzustellen, daß die Bürger der Bundesrepublik mehr sparen als jemals zuvor – was übrigens der so oft verbreiteten These widerspricht, daß die Sparneigung bei hohen Preissteigerungsraten geringer wird.

Verstärkt wird die „Normalisierung“ der Konjunktur noch dadurch, daß die De-facto-Aufwertung der Mark im Herbst wahrscheinlich „festgeschrieben“ werden wird. Nachdem nun auch die Bundesbank nicht mehr davon spricht, daß wir unbedingt zur alten Parität zurückkehren müssen, sieht man in Bonn den Weg frei für eine endgültige Aufwertung irgendwann zwischen September und Dezember. Proteste von BDI-Präsident Fritz Berg oder dem Chemieverband gegen eine Änderung des Wechselkurses hält man in Kreisen der Koalition für Rückzugsgefechte: Man geht davon aus, daß die Industrie sich mit einer Aufwertung um fünf bis sechs Prozent abzufinden bereit ist. Gegenüber dem gegenwärtigen Floating-Kurs würde das praktisch keine Änderung bedeuten.

Ungewiß bei dieser Kalkulation bleibt freilich, wie die konjunkturelle Lage im Herbst oder Winter sein wird. Wenn die Expansion zu stark nachlassen sollte, könnte eine Ankurbelung des Exports durch Rückkehr zum alten Wechselkurs durchaus erwünscht sein. Es hat jedoch den Anschein, als wolle Karl Schiller auf dieses Mittel bewußt verzichten.

Der „Konjunkturkanzler“ scheint bereit zu sein, einen deutlichen Abschwung für eine gewisse Zeit in Kauf zu nehmen. Für Schiller hätte eine solche Entwicklung einen doppelten Vorteil: Zunächst würde aus Angst vor Arbeitslosigkeit der Lohnauftrieb spürbar gedämpft – später, vielleicht im Sommer 1972, könnte dann durch „Reformprogramme“ der Regierung eine neue Ankurbelung erfolgen. Freilich bleibt dies ein gewagtes Spiel: Die wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen eineinhalb Jahre hat gezeigt, daß die Möglichkeiten zur „Feinsteuerung“ der Konjunktur weit überschätzt worden sind.

So kann man nicht ausschließen, daß der wirtschaftliche Abschwung stärker wird als von Bonn gewünscht, und länger dauert. Dann würde der Zeitplan von Karl Schiller, der für das Wahljahr 1973 neuen Aufstieg bei dann relativ stabilen Preisen vorsieht, arg durcheinandergeraten.

Diether Stolze